Weltbank-Experte Gill sieht Wirtschaftsumfeld und Pensionen als größte Probleme. Er warnt davor, die aktuelle Krise überzubewerten und kündigt er eine Rückkehr zu Zeiten des „goldenen Wachstums“ an.
Wien. Die aktuelle Krise sei nur eine Episode der europäischen Erfolgsgeschichte, zeigt sich der Weltbank-Experte Indermit S. Gill überzeugt. Im Gespräch mit der „Presse“ kündigt er eine Rückkehr zu Zeiten des „goldenen Wachstums“ an. „Sie sollten optimistisch sein, wegen der erreichten wirtschaftlichen Standards, aber auch wegen der institutionellen Standards.“ Mit ein Grund sei, dass Länder wie Griechenland in Europa aufgefangen werden. „Wenn solche Länder zu Reformen bereit sind, wird ihnen von den gemeinsamen Institutionen umgehend geholfen. Gelingt ihnen dann wieder die Rückkehr zum Wirtschaftswachstum, hilft ihnen auch der Markt.“ Diese breite Hilfe gebe es weltweit nirgendwo anders.
Gill warnt davor, die aktuelle Krise überzubewerten. Als Ostasien in den 1990er-Jahren in eine Krise rutschte, wurde bereits von einem „verlorenen Jahrzehnt“ gesprochen. „In Wirklichkeit war das Wachstum nach Ende der Krise doppelt so hoch.“ Länder wie Griechenland oder Portugal haben sich in den letzten fünfzig Jahren durchaus positiv entwickelt. Der Einbruch kam erst nach Beginn des neuen Jahrtausends (siehe Grafik).
Dennoch sieht Gill, der diese Woche in Wien einen Weltbank-Bericht über Europas Wachstumserfolge während der letzten fünfzig Jahre vorstellte, auch schwierige Herausforderungen auf europäische Länder zukommen. Eine der größten seien die ausufernden Sozialausgaben, die mit dem Pensionssystem zusammenhängen.
In europäischen Ländern, die ihre Prosperität erhöht haben, konnte zwar in den letzten Jahrzehnten ohne negative Auswirkungen die tägliche Arbeitszeit reduziert werden. Problematisch sei aber, dass sich gleichzeitig die Zahl der Jahre, in denen die Arbeitnehmer einer Beschäftigung nachgehen, reduziert hat. „Das hält kein Pensionssystem aus“, so Gill.
Kürzer arbeiten, länger leben
In Spanien arbeiten die Menschen heute um acht Jahre kürzer als 1965. Gleichzeitig erhöhte sich die Lebenserwartung um knapp fünf Jahre. In Summe muss das Pensionssystem also 13 zusätzliche Jahre tragen. In Frankreich sind es 15, in Österreich 14 zusätzliche Jahre. Eine Ausnahme ist laut dem Weltbank-Experten Deutschland. Dort werde heute real um 1,6Jahre länger gearbeitet als Mitte der 1960er-Jahre. In Südkorea arbeiteten die Menschen im Vergleich zu damals sogar um 5,5 Jahre länger.
Eine zweite Herausforderung vor allem in den Ländern Südeuropas sei das schlechte Umfeld der Wirtschaft. Laut der von Indermit Gill und Martin Raiser erarbeiteten Weltbank-Studie gibt es erhebliche Qualitätsunterschiede in den Industriestaaten. Vorreiter seien hier die USA. Auch in Japan, der Schweiz oder Schweden seien die Bedingungen für Unternehmen gut. Südeuropa hinke aber deutlich nach. „Es geht dabei zum Beispiel um Erleichterungen bei der Gründung oder Schließung von Unternehmen. Es geht darum, wie leicht es ist, Arbeitnehmer anzustellen oder sie wieder zu kündigen“, so Gill. Es gehe aber auch um eine effiziente Bürokratie bei den notwendigen Genehmigungen, Baubewilligungen und dergleichen. „Schweden kam hier in unserem weltweiten Ranking auf Platz14. Griechenland hingegen auf Platz100 von 180Ländern.“
Laut Gill habe der Norden Europas trotz Krise kein wesentliches Problem. Der Süden habe seit 2002 aber an Boden verloren. „Sie brauchen nur deren Performance mit jener der Osteuropäer zu vergleichen.“ Das schlechte wirtschaftliche Umfeld in Ländern wie Griechenland habe Auswirkungen auf ausländische Investoren gehabt. „Die zogen ihr Geld zunehmend aus dem Süden ab.“
Von einem Austritt der Problemländer aus dem Euro hält Gill allerdings wenig. „Diese Staaten brauchen heute keine neue Währung. Sie brauchen neue wirtschaftliche Strukturen.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2012)