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Schon bei Seneca wäscht eine Hand die andere

Symbolbild
(c) REUTERS (PAUL HANNA)
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Korruption. Philosophen als Herrscher, Volksgerichte, drakonische Strafen – im Kampf gegen die Bestechlichkeit wurden verschiedenste Methoden propagiert. Sogar die Käuflichkeit der Ämter galt als probates Mittel.

Ob Philosophen wirklich die Lösung wären? Zumindest Platon sah es als erwiesen an: „Nicht eher wird ein Aufhören der Übel in den Staaten, ja beim Menschengeschlecht überhaupt eintreten, ehe die Philosophen zur Regierung kommen oder die jetzigen Könige und Machthaber wahrhaft und gründlich philosophieren.“ Nur sie hätten – nach Jahrzehnten des Studiums – die nötige Größe und die moralische Standfestigkeit. Und wenn es ihnen allem Wissen und Denken zum Trotz doch an Moral fehlen sollte? Kein Problem: Die Herrscher-Philosophen hatten auf den Erwerb von Privateigentum gänzlich zu verzichten. So können sie sich ganz auf die Lenkung des Gemeinwesens konzentrieren.

Umgesetzt wurde Platons Idee des Herrscher-Philosophen nicht – und er musste mitansehen, wie Athens Macht und Ansehen schwanden. Aber immerhin erkannten die alten Griechen das Problem: Ämter wurden per Losentscheid vergeben. Und Athen hatte eine Art Volksgericht. Wurde über öffentlich-rechtliche Angelegenheiten entschieden, mussten mindestens 500 Richter anwesend sein. So viele Menschen zu bestechen war wohl schlicht zu teuer.

Cicero berichtet von korrupten Richtern

Bestechliche Richter wurden im alten Rom zur Plage. Cicero berichtet, dass es gängige Praxis war, sie „nicht nur durch Geld, sondern auch durch die Bereitstellung von Mädchen und Jungen“ gewogen zu stimmen. Vor allem in den Provinzen wussten Steuereintreiber, Finanzbeamte, Statthalter und Gerichtsschreiber sich zu bereichern – je weiter weg von Rom, desto ungenierter. Wiederholt nahm man Anlauf, dem Treiben Einhalt zu gebieten: Gesetze dagegen gab es schon im zweiten Jahrhundert vor Christus, Cäsar verschärfte sie, später setzte noch einmal Kaiser Konstantin eins drauf. Strukturelle Maßnahmen wurden aber keine erlassen: Sich ein Amt zu kaufen galt als legitim. Immerhin wurde versucht, weniger wohlhabenden Personen vor dem bestechlichen Gericht zu helfen: Freiwillige Sprecher sollten ihnen zur Seite stehen. Was die Korruption aber angeblich sogar noch erhöhte.

Das Wort Korruption hat seine Wurzeln jedenfalls im Lateinischen. „Corrumpere“ bedeutet „zerschlagen“, „corruptio“ wird mit „Verderben“ übersetzt; die katholische Kirche und später auch die Reformatoren verwendeten den Begriff im Sinn von „Erbsünde“. Womit schon gesagt ist: Korruption ist ein ewiges Thema – ebenso wie die Verzweiflung darüber und die Klage, dass die Übeltäter „so einfach“ davonzukommen scheinen. „Stiehlt einer ein Geldstück, dann hängt man ihn. Wer öffentliche Gelder unterschlägt, wer durch Monopole, Wucher und tausenderlei Machenschaften noch so viel zusammenstiehlt, der wird unter die vornehmen Leute gezählt“, stellte Erasmus von Rotterdam verbittert fest.

Dabei sahen durch die Zeiten hinweg die verschiedenen Kulturen und Gesellschaften drastische Strafen vor: Griechische und ägyptische Priester mussten bei Bestechlichkeit mit der Todesstrafe rechnen. Aus dem Mittelalter sind die Hinrichtungen der Bürgermeister von Zürich und Augsburg überliefert – beide hatten in die eigene Tasche gewirtschaftet. Aber zumeist gingen Amtsträger, die ihre Macht für eigene Zwecke missbrauchten, straflos aus: In Rom waren höhere Beamte immun. Und allgemein gilt: In einer bestechlichen Gesellschaft ist auch die Justiz oft bestechlich.
Was macht nun eine Gesellschaft anfällig für Korruption? Niedrige Strafen, aber auch: niedrige Löhne. Im Europa des 18. Jahrhunderts gehörte Korruption darum zum System. Die meisten Beamten erhielten eine mehr als spärliche Apanage, und es wurde nachgerade von ihnen erwartet, dass sie etwas dazuverdienten. Der Begriff dafür: Sporteln, von lateinisch „sportula“ („das Geschenk“). So nannte man zunächst die Gebühren, die direkt an den Beamten zu zahlen waren und die dieser auch nicht weiterleitete: Diese Gebühren – das war nicht immer Geld, eine Gans tat es manchmal auch – waren Teil seines Gehalts. Von da war der Schritt zur Bestechlichkeit nicht groß. Manche Historiker mutmaßen, die „Sporteln“ seien ein Grund, warum Korruption immer noch als Kavaliersdelikt gilt.

Bismarcks „Reptilienfonds“

Wenn niedrige Gehälter der Beamten Korruption begünstigen, dann scheint auf den ersten Blick ein hohes Einkommen ein gutes Mittel dagegen zu sein. Oder um es mit den Worten des deutschen Kabarettisten Dieter Hildebrandt zu formulieren: „Geld macht nicht korrupt – kein Geld schon eher.“ So ähnlich wurde im Frankreich des 18. Jahrhunderts sogar der Ämterkauf gerechtfertigt: Der durch den Kauf des Amtes bewiesene Reichtum mache den Inhaber gegen Bestechungsversuche immun, hieß es. Um auch niedrigere Beamte „immun“ zu machen, wurde in Frankreich die „Vollbesoldung“ eingeführt. Ein Vorbild für die Politikergehälter: So sollten die Vertreter des Volkes vor Versuchungen gefeit sein. Noch heute plädieren manche dafür, die Gehälter in der Politik an die der freien Wirtschaft anzupassen.

Wie man aus Erfahrung weiß: Auch dieses Rezept gegen die Korruption stößt an Grenzen. Moral lässt sich nicht einfach kaufen. Reichtum schützt weder vor Gier noch davor, sich korrumpieren zu lassen: Ludwig II. ließ sich etwa von Bismarck durch großzügige Zahlungen überreden, auf Bayerns Souveränitätsrechte zu verzichten. Das Geld kam aus dem Reptilienfonds, einer Art geheimer Kasse, in die Bismarck immer griff, wenn es darum ging, jemanden zu bestechen – auch Journalisten waren darunter.

So bleiben, von alters her: die Klage über die Korruption, die Klage über jene, die ungestraft davonkommen, und die Resignation. Ludwig XV. ärgerte sich über das enorme Ausmaß, das „die Stehlereien am Hofe“ angenommen haben, hielt aber fest: „Alle Minister, die ich gehabt habe, haben versucht, dem Einhalt zu gebieten, aber erschreckt von der Schwierigkeit der Ausführung, haben sie das Projekt stets fallen gelassen.“ Man solle das „unheilbare Laster“ also einfach währen lassen.

Definition

Laut Transparency International ist Korruption „Missbrauch von anvertrauter Macht zum privaten Nutzen oder Vorteil“. Harold Dwight Lasswell: Korruption sei ein „destruktiver Akt der Verletzung des allgemeinen Interesses zugunsten eines speziellen Vorteils in einer Position öffentlicher oder ziviler Verantwortung“.