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Syrien: Einblick in die virtuelle Welt der Assads

(c) EPA (STR)
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Der britische "Guardian" legte den privaten E-Mail-Verkehr des syrischen Dikatorenpaars Bashar al-Assad und seiner Frau Asma offen. Die Assads erhielten Ratschläge aus dem Iran und ein Exilangebot aus Katar.

London. Ein isolierter Diktator, der seine eigenen Zugeständnisse an die Opposition als „Müll“ bezeichnet, von Freunden zum Gang ins Exil aufgefordert wird – und sich im Übrigen weniger für die Zustände in seinem Land als für die Beschaffung von Luxusgütern interessiert: Dieses Bild des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad und seiner Frau Asma leitet sich aus rund 3000 privaten E-Mails des Ehepaares ab, die dem britischen „Guardian“ angeblich von syrischen Oppositionellen zugespielt wurden.

Die Botschaften, die zwischen Juni 2011 und Anfang Februar 2012 geschrieben und empfangen wurden, sollen von zwei E-Mail-Adressen stammen, die sich das syrische Herrscherpaar bei der Dubaier Firma „al-Shahba“ einrichten ließ. Laut „Guardian“ nutzten die Assads das Unternehmen, das auch ein Büro in London unterhält, um trotz Sanktionen Regierungsgeschäfte und Einkäufe im westlichen Ausland abzuwickeln.

So belegen die E-Mails, falls sie authentisch sind, dass der Iran über einen libanesischen Mittelsmann, Hosein Mortada, Bashar al-Assad mehrfach über den Umgang mit dem Aufstand beraten – und auch mit Kritik nicht gespart hat: etwa, als das Regime einen Bombenanschlag kurz vor Weihnachten in Damaskus al-Qaida in die Schuhe schob. Das sei „ein gravierender taktischer Fehler“, so Mortada am 24.Dezember an Assad. Nach Rücksprache mit Vertretern der Hisbollah und der iranischen Regierung sei man der Meinung, es wäre besser, die USA und die Opposition zu beschuldigen. „Das ist in deinem Interesse“, heißt es am Ende. „Also mach bitte Gebrauch davon, Syrien.“

Ein weiteres Mail vom 31.Dezember 2011 von Assads Medienberaterin Hadeel al-Al zeigt, dass das Regime offenbar routinemäßig iranische Regierungsmitglieder um Rat gebeten hat. So beim Formulieren von Assads erster öffentlicher Rede als Reaktion auf die Unruhen am 10.Januar, in der er ausländische Kräfte für die Aufstände verantwortlich machte und Durchgreifen mit „eiserner Faust“ ankündigte. Asma al-Assads E-Mails aus dieser Zeit drehen sich weitgehend ums Shoppen – mit einer bezeichnenden Ausnahme: Eine Freundin, die Tochter des Emir von Katar, drängte das Paar im Januar, „bevor es zu spät ist“, das Land zu verlassen und beispielsweise in Doha ins Exil zu gehen.

Laut „Guardian“ konnten die oppositionellen Hacker vom „Supreme Council of the Revolution“ („Obersten Revolutionsrat“) , denen die Zugangsdaten bereits im März 2011 von einem niedrigrangigen Regierungsmitarbeiter zugespielt worden sein sollen, den E-Mail-Verkehr der Assads über Monate quasi in Echtzeit verfolgen. Die daraus gewonnenen Informationen hätten sie beispielsweise genutzt, um ihre Verbündeten im Land vor drohenden Aktionen des Regimes zu warnen. Im Februar wurden die Zugangsdaten für die beiden E-Mail-Adressen dann auch von der Hackergruppe „Anonymous“ geknackt. Der E-Mail-Verkehr erlosch prompt.

 

„Das syrische Volk ist ihnen egal“

Syrische Oppositionelle reagierten empört auf den Inhalt der Mails: „Es ist nicht der Umstand, dass das Regime engen Kontakt mit dem Iran hat – das hat es seit 30 Jahren, das ist nichts Neues. Und es ist auch nicht neu, dass sie shoppen gehen“, so Rime Allaf, syrischstämmige Expertin beim renommierten Londoner Thinktank „Chatham House“ zur „Presse“.

„Aber dass sie nichts Besseres zu tun haben, als darüber nachzudenken, wo sie ihr Schokoladen-Fondue-Set herkriegen, während sie gleichzeitig den Kindern im Land die Milch verwehren und die Leute verbluten, weil das Regime keine medizinische Versorgung zulässt – das beweist, was wir die ganze Zeit vermutet haben: Das syrische Volk ist ihnen ganz egal.“
Leitartikel, Seite 2
Wie der „GUARDIAN“ AN DIE STORY KAM, Seite 2

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.03.2012)