Nick Whitbys „Sein oder Nichtsein“ nach dem berühmten Film von Ernst Lubitsch begeisterte das Publikum. Gregor Bloéb brilliert als eitler Komödiant. Goldrichtig besetzt ist Singer als Chargen-Darsteller Grünberg.
Darf man über Nazis lachen, fragt die Josefstadt. Man darf und tut es, neben der ernsthaften Aufarbeitung des Themas, schon lange, seit Charlie Chaplins „Großem Diktator“ (1940) und Ernst Lubitschs „Sein oder Nichtsein“ (1942). Die beiden Filme, Klassiker, sind grundverschieden, ein wesentlicher Unterschied ist, dass der „Große Diktator“ mehr eine Politsatire ist, „Sein oder Nichtsein“ auch eine Satire über Theater und Film: Die Diva erscheint in glitzernder Robe und hat nur einen Gedanken, bei ihrem Auftritt im KZ fantastisch auszusehen. Dem Chargenspieler geht es einzig und allein um die Pointe, das Sujet ist egal. Bei Chaplin wie bei Lubitsch bleibt einem immer wieder das Lachen im Halse stecken. Daran hat sich über die Jahrzehnte nichts geändert, Humor und Satire sind höchstens krasser geworden, wenn man an Daniel Levys „Mein Führer“ denkt – oder schräger („Hotel Lux“ mit Bully Herbig).
In den Kammerspielen inszenierte Peter Wittenberg „Sein oder Nichtsein“ von Nick Whitby, eine Theaterfassung des Lubitsch-Films. Wer diesen nicht kennt, ist gewiss besser dran. Die Screwball-Comedy beherrscht das Kammerspiel-Ensemble nicht, es war weise vom Regisseur, sie nicht zu erzwingen. Lubitsch ist Lubitsch, die Kammerspiele sind die Kammerspiele. Wer sich damit abgefunden hat, den erwartet ein amüsanter Abend. Das Premierenpublikum reagierte Donnerstag geradezu begeistert.
In einem Warschauer Theater wird kurz vor dem Einmarsch der Nationalsozialisten ein Hitler-Stück geprobt. Der Zensor erscheint, um die Aufführung auf höchste Weisung zu verbieten. Stattdessen findet „Hamlet“ statt. Während der erste Schauspieler seinen großen Monolog hält, beginnt seine Frau hinter den Kulissen eine Affäre mit einem polnischen Luftwaffenoffizier. Der Krieg bricht aus. Der Offizier muss einrücken. Ein Spion reist aus London an, um Polens Widerstandskämpfer zu unterstützen, doch er entpuppt sich als Nazi . . .
Die Kunst besiegt die Wirklichkeit
Die rasant zwischen Theater und der Realität hin- und herflitzende Handlung lebt von witzigen Dialogen, die nur bedingt davon profitieren, dass Gregor Bloéb und Nina Proll zwei Schauspieler spielen, die auch im richtigen Leben ein Paar sind: „Wenn ich ein Kind kriege, möchtest du auch noch die Mutter sein“, sagt sie. Er: „Ich bin schon froh, wenn ich der Vater bin.“ Scherz lass nach. Bloéb ist freilich als Komödiant, der ständig nur seine Wirkung im Auge hat, streckenweise hinreißend und sehr komisch, speziell, als er, nach dem Mord an dem Spion, in dessen Rolle schlüpft. Auch als Hamlet hat er herrliche Momente – und bei der Schmiere, die untrennbar zu dieser Geschichte gehört, ist Bloéb einsame Klasse. Vor allem im Vergleich zu den anderen, die mitunter des Guten zu viel tun. Das größte Problem von Nina Proll ist, dass sie himmelweit von der Filmschönheit Carole Lombard entfernt ist. Das macht Proll teilweise wett durch charmantes Spiel. Der koketten Diva, die laufend neue Männer am Gängelband vorführt, gibt Proll eine leicht emanzipierte Note. Diese Dame will weder ihre Kunst noch ihren Mann verlassen, sie tut nur so.
Goldrichtig besetzt ist Gideon Singer als Chargen-Darsteller Grünberg, der davon träumt, einmal im Leben den Shylock zu spielen. Die berühmten Sätze aus dem Shakespeare-Drama („Hat ein Jude nicht Sinne, Gefühle, Wünsche?“) klangen schon kraftvoller, doch selten gingen sie derart zu Herzen. Wittenberg leitet das große Ensemble versiert von einer köstlichen Miniatur zur anderen. Martin Zauner könnte als „Konzentrationslager-Erhardt“ etwas bedrohlicher sein und Siegfried Walther etwas weniger laut. Im Großen und Ganzen aber ist die Aufführung gelungen. Sie bringt vor allem den subversiven Galgenhumor der Vorlage, diese Verselbstständigung des Witzes, seinen von Grauen und Peinlichkeit unberührbaren Flug durch die Zeit, recht gut zur Geltung. Die Kunst besiegt die Wirklichkeit. Das ist nicht realistisch, aber tröstlich – und es war war wohl auch eine Idee Lubitschs.