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Rudiš: "Prag, das ist so eine romantische Vorstellung"

(c) Verlag Luchterhand
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Starautor Jaroslav Rudiš beschreibt in seinem neuen Roman die Schattenseiten des heutigen Prag. Mit der "Presse" sprach er über seine Jugend, über Touristen und ein Stalin-Denkmal, von dem noch der Sockel steht.

In Tschechien ist er bereits ein Star. Mit „Alois Nebel“ hat Jaroslav Rudiš eine Figur geschaffen, die zum Kult geworden ist. Die Graphic Novel über den Fahrdienstleiter aus dem Altvater-Gebirge ist eine Satire und erinnert in manchem an den „braven Soldaten Schwejk“. Diese Fahrt zu den Dämonen des 20.Jahrhunderts wurde auch verfilmt. Im Herbst soll der Film in unsere Kinos kommen. Zur Leipziger Buchmesse legt Rudiš nun den Roman „Die Stille in Prag“ vor. Der ist ein Abgesang auf die Wendezeit. Er verknüpft darin das Schicksal von fünf Menschen in szenischen Bildern.

 

Sind Sie mit dem Zug über Bílý Potok nach Leipzig gefahren?

Ich fahre meistens mit dem Zug. Mittlerweile besitze ich zwar ein Auto, aber ich bin ein großer Bahnfan. Eisenbahn: das ist etwas richtig Mitteleuropäisches. Selbst zu Zeiten, als Europa geteilt war, lagen die Schienen da, und es sind – wenn auch begrenzt – Züge darauf gefahren.

Wie kommen Sie auf den nordböhmischen Ort Bílý Potok für die Figur des Alois Nebel?

Ich habe in Liberec Deutsch und Geschichte studiert, bin Lehrer von Beruf, und Bílý Potok, Weißbach, ist in der Nähe davon. Die Geschichte von Alois Nebel spielt aber im Altvater-Gebirge. Man nennt das den schlesischen Semmering. Das ist eine sehr verlassene und geheimnisvolle Gegend. Die kennt man nicht einmal in Prag.

 

Und dort sitzt nun Alois Nebel und erwartet die Dämonen?

Ja – und die kommen. Die Figur ist ein bisschen meinem Großvater abgeschaut. Er war Weichensteller an einem kleinen Bahnhof, stellte Weichen für die Züge, in denen Menschen fuhren, die später in KZs ermordet wurden, einige Zeit danach für Menschen, die vertrieben wurden. Der Zeichner Jaromir sagte zu mir, diese Geister und Züge, das ergäbe eine schöne Graphic Novel. So kam „Alois Nebel“ zustande. Wir staunten dann, wie das eingeschlagen hat. Der Alois Nebel ist ja ein Antiheld, ein passiver Beobachter dessen, was im 20.Jahrhundert bei uns passiert ist. Ein kleiner Bahnhof – und plötzlich ist das die Geschichte von Mitteleuropa.

Es geht darin ja auch um die Vertreibung der Sudetendeutschen.

In Tschechien sind die Vertreibungen der – ich möchte gar nicht Sudetendeutsche, sondern Deutschböhmen sagen, jetzt Thema geworden. Das wurde ja lange verschwiegen. Deutsche wurden gleichgesetzt mit Nazis. Von diesen Klischees sind einige über die Wende hinaus geblieben. Da gab es viele Ängste. Davon befreien sich die Tschechen jetzt allmählich. Dass „Alois Nebel“ ein Erfolg in Tschechien ist, ist vielleicht ein Beweis dafür, dass wir uns jetzt mit dieser Geschichte auseinandersetzen können.

 

Wie sind Sie dazu gekommen, Deutsch zu lernen?

Wenn man Deutsch kann, versteht man auch die eigene Geschichte besser, weil hier alles damit verbunden ist. Wenn man in Liberec mit alten Leuten spricht, dann ist das ganz normal, dass man Deutsch gelernt hat. Für mich war Deutschland näher als Prag, die DDR war Teil meiner Jugend. Wir waren oft dort in den Sommerferien.

 

In Ihrem neuen Buch gehen Sie ein wenig mit der Wende ins Gericht: Nach dem Fall der Mauer gab's erst einmal eine riesige Party, dann wurde Prag zur lärmenden und stinkenden Touristenstadt ...

Das ist kein nostalgisches Buch. Es ist ein Buch über das Prag von heute. Da gab's den Neuanfang als große Party, und alle dachten, man kann jetzt alles machen und das wird immer so bleiben. Inzwischen hat sich das aufgehört, und es kommen mehr und mehr Touristen. Wenn man im Ausland „Prag“ sagt, dann ist das viel mehr als Tschechien, das ist so eine romantische Vorstellung.

Ist der Tourismus der Preis für die Europäisierung? Die Figur Hana sagt in ihrem Buch, der einzige Widerstand dagegen sind die Turnschuhe, weil in jeder Stadt eine andere Marke getragen wird.

Vielleicht stimmt das ja. Ich möchte die Veränderung an einem Beispiel zeigen: Die Straßenbahn mit der schönsten Strecke, die Linie 22, fährt durch die Prager Kleinseite. Dort haben früher 20.000 Leute gewohnt, heute sind es knapp 5000. Die Häuser wurden aufgekauft als Investitionen, und damit ist das Wohnen zu teuer geworden. Geht man da heute abends durch, wenn die Touristen bereits in ihren Hotels sind, dann ist das tot.

 

Geschichte wird in diesem Roman ja immer nur so angetippt, etwa bei der Figur des Vladimir, von dem es einmal heißt, dass er aussehe wie ein zerknitterter Mengele mit Fettspuren im Gesicht.

Ich wollte, dass man sich Geschichte vorstellen kann. Deshalb kommt auch dieses ehemalige Stalin-Denkmal auf der Letná vor. Das wurde erst nach seinem Tod errichtet, obwohl auch den Tschechen klar war, dass er ein Massenmörder war. Ein paar Jahre später wurde es in die Luft gesprengt und die Sache möglichst verschwiegen. Heute steht immer noch der Sockel. Ich wollte eben vor allem über die Leere schreiben.

 

Laut Wikipedia gehören sie zu den 30 wichtigsten Persönlichkeiten Tschechiens. Für einen 40-Jährigen nicht schlecht. Hat das Auswirkungen?

Das steht nur im deutschen, nicht im tschechischen Wikipedia. Das geht auf eine Umfrage einer tschechischen Tageszeitung zurück. Meist sind da Politiker darauf, und zwar sehr schlechte tschechische Politiker, die in Skandale verwickelt sind. Also da kann man nicht stolz darauf sein.

Zum Autor

Jaroslav Rudiš, geboren 1972 in Turnov, studierte Deutsch und Geschichte in Liberec, Zürich und Prag. Durch ein Stipendium kam er nach Berlin, wo er als Journalist arbeitete. Es entstand der Roman „Der Himmel unter Berlin“ (auf Deutsch 2004). Danach Dramatiker und Drehbuchautor. Weitere Werke: „Grandhotel“ (Deutsch 2006), „Alois Nebel“ (zusammen mit dem Zeichner „Jaromir 99“, 2012). Bei der Buchmesse Leipzig stellte er den Roman „Die Stille in Prag“ vor.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2012)