Der deutsche Regisseur Ingo Berk inszeniert im Volkstheater "Hotel Savoy". Bei der trotz einiger Längen in Wort und Bild starken Aufführung wirkt das Ensemble nahezu rundum überzeugend.
Eine Stichflamme schießt aus dem Bühnenboden. Es kracht und raucht. Satanischer Gestank zieht sich in den Zuschauerraum. Die Revolution ist da. Früher schüttelte das Volkstheater bildlich gesprochen des Öfteren die Faust gegen die Mächtigen, gewerkschaftlich, sozialdemokratisch beseelt. Doch das ist lang her. Umso überraschender wirkt der heftig brechtische Joseph Roth, der dort seit Freitag zu sehen ist. Doch näher betrachtet ist der ideologische Furor mehr ein theatralischer. Ingo Berk hat Roths Roman „Hotel Savoy“ inszeniert, die szenische Fassung des belgischen Dramaturgen Koen Tachelet war an Johan Simons Münchner Kammerspielen zu sehen.
Kriegserfahrungen. Der 30-jährige Roth verarbeitete in diesem 1924 in der „Frankfurter Zeitung“ vorabgedruckten Buch seine Kriegserfahrungen. Der Protagonist Gabriel Dan macht nach dreijähriger russischer Gefangenschaft im Hotel Savoy in Lodz Station, wo er auf allerlei seltsame Gestalten trifft. Menschen im Hotel faszinierten viele Autoren, darunter Horváth („Zur schönen Aussicht“) oder Vicky Baum. Das Hotel diente den von den Zeitläuften durcheinandergewirbelten Gesellschaften Europas – in dem kein Stein auf dem anderen blieb – als Zuflucht.
Wirtschaftskrise. Dort konnte man sich der Illusion hingeben, dass noch alles in Ordnung sei. Irgendwie. Oder man konnte krumme Geschäfte machen. Tachelet destillierte aus dem etwas gemächlichen und melodramatischen Roman ein packendes aktuelles Panorama: Wirtschaftskrise, Völkerwanderung von Ost nach West, die Inflation frisst die Reserven, Arbeitslosigkeit, Streiks, ein kriegsähnlicher Zustand herrscht hier. Millionäre, Schieber tanzen auf dem Vulkan, während schöne Frauen um sie herumflattern und arme Hunde in Hinterzimmern krepieren... Das ist alles sehr „rothisch“, wirkt aber wie frisch poliert. Berk, der gerne die Aufführungen seines Kollegen David Bösch anschaut, ist nicht so genial wie dieser, hat aber für eine ausdrucksstarke Aufführung gesorgt. Sie ist mit vielen vielsagenden Pausen und Blicken – wohl inspiriert von alten englischen Krimifilmen – etwas zu langsam und zelebrierend geraten, aber doch insgesamt sehr schön. Das angeblich glamouröse Hotel Savoy, das es übrigens immer noch gibt, eine Zweistern-Herberge für Touristen mit schmalem Budget, existiert im Volkstheater nicht.
Altenglischer Krimi. Stattdessen verliert sich der Blick des Zuschauers in einem weiten bunkerartigen Raum, grau ist die dominante Farbe, ein alter Fahrstuhl schwebt auf und ab, ein etwas verbrauchtes Symbol für die Auf-und Abstiege in der Gesellschaft, aber von Roth übernommen. Aus einem Tunnel tauchen Autos und Züge auf (Bühne: Damian Hitz). Der Regent dieses heruntergekommenen Etablissements ist der Direktor Kaleguropulos, ein Grieche, der aber nie auftaucht bzw., wie sich am Schluss herausstellt, identisch ist mit dem als Liftboy verkleideten Faktotum Ignatz. Der nimmt Gästen, die nicht zahlen können, ihre Koffer ab: Marcello de Nardo spielt mit Bravour dieses Scheusal, das ein paar Jahre später vielleicht als Blockwart eine neue glänzende Karriere machen könnte. Dominik Warta gibt dem Gabriel Dan die richtigen Nuancen: Dieser als Bruder Simpel getarnte, seelisch schwer Kriegsversehrte erwartet von seiner Umgebung, dass sie ihn heilt.
Mamedof als Rollenwechsel-Virtuose. Onkel Phöbus gibt aber kein Geld her, Varieté-Tänzerin Stasia (entzückend zart: Andrea Bröderbauer) will ihm nicht nachlaufen und Kriegskamerad Zwonimir (robust-rustikal: Christoph F. Krutzler) ist mit der Revolution beschäftigt. Rainer Frieb konturiert passend abgründig-aasig die verschiedenen Kapitalisten: am besten den parfümierten Milliardär Bloomfield. Matthias Mamedof wechselt hurtig und hinreißend die Rollen – und Thomas Kamper hat einen wunderbar entgeisterten Auftritt als sterbender Clown. Die mit bekannten Melodien aus der Zeit angereicherte Musik-Collage Patrik Zellers bereichert diese atmosphärisch über weite Strecken dichte, manchmal sogar atemberaubende Aufführung.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.03.2012)