Es ist erstaunlich, dass der Österreichische Skiverband nicht um die Kinder unserer Zuwanderer wirbt.
Man mag gar nicht daran denken, was passiert wäre, wenn Marcel Hirscher den „depperten Glasbecher“ nicht für Österreich gewonnen hätte, sondern für die Niederlande Ski-Weltcupsieger geworden wäre. Sehr schief sah man hierzulande seinerzeit den famosen Marc Girardelli an, weil er (beziehungsweise sein Vater) beschlossen hatte, dem Österreichischen Skiverband den Rücken zu kehren und für Luxemburg Weltcupsiege zu sammeln.
Doch der ÖSV erkannte Hirschers Talent und förderte es. Umso erstaunlicher ist es, dass dieser hochprofessionelle Sportverband offenbar kein Interesse daran hat, unter den vielen sportbegeisterten Österreichern mit türkischen oder ex-jugoslawischen Wurzeln nach ebensolchen Begabungen zu suchen. Einzelfälle gibt es zwar, wie die „Medien-Servicestelle Neue ÖsterreicherInnen“ recherchiert hat: im Salzburger Landesjugendkader stehen mit Slaven Dujaković und Bozana Maksić zwei Athleten mit balkanischen Wurzeln. Doch das war es schon. In den Vorarlberger Nachwuchskadern ist kein einziger türkischstämmiger Fahrer. Dabei hat Vorarlberg laut Statistik Austria mit 22Prozent den nach Wien zweithöchsten Anteil von Bürgern mit Migrationshintergrund und auch die zweitgrößte türkischstämmige Bevölkerungsgruppe.
Klar sind Zuwandererfamilien ärmer und können sich den teuren Skisport oft nicht leisten. Daraus könnte man aber schließen, dass der Skiweltcup nicht von den besten Sportlern gewonnen wird, sondern von den besten Söhnen und Töchtern ehemaliger Rennläufer und Skihotelbesitzer. Ein empörender Vorwurf? Mag sein. Am schnellsten entkräftet man ihn, indem man dafür sorgt, dass „unser“ Marcel möglichst rasch Konkurrenz von „unserem“ Mustafa bekommt.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2012)