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Vom Kleinkriminellen zum kaltblütigen Attentäter

Videomaterial wurde in France 2 ausgestrahlt.
(c) AP ()
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Mohammed Merah wandelte sich binnen weniger Jahre. Der 23-Jährige war in Afghanistan und Pakistan, wo er sich nach eigenen Angaben militärisch ausbilden ließ

Die Bilder zeigen einen ausgelassenen Jugendlichen: Mit seinem Auto legt er eine rasante Rodeo-Fahrt auf einer Brachfläche hin, steigt lachend aus, die Finger zum Siegeszeichen hochgereckt. Das war vor eineinhalb Jahren. Nun ist Mohamed Merah tot: Bis zum letzten Atemzug schoss der mutmaßliche Serienattentäter von Toulouse um sich, nachdem Elitepolizisten am Donnerstag in seine Wohnung vorgedrungen waren, in der er sich 32 Stunden lang verschanzt hatte. Bekannte und auch Ermittler rätseln, wie der 23-Jährige in so kurzer Zeit zum eiskalten Mörder werden konnte.

Von einer "untypischen Selbstradikalisierung" sprach Staatsanwalt Francois Molins. Denn der 1988 in Frankreich geborene junge Mann mit algerischen Wurzeln, der in einem einfachen Viertel der südwestfranzösischen Stadt Toulouse aufwuchs, wandelte sich binnen weniger Jahre vom Kleinkriminellen zum gewaltbereiten Islamisten. Mehr als ein Dutzend Mal stand er als Minderjähriger bereits wegen Delikten wie Diebstahl vor einem Jugendgericht, auch gewalttätig wurde der Karosseriebauer dabei.

Mehrere Wohnungen, häufig Mietautos

Auch wenn ihn Nachbarn, Freunde und sein Anwalt als "nett", "freundlich" und "höflich" beschrieben, so spielte sich hinter der Fassade doch ein Doppelleben ab: Sein Lebensstil werde erst noch genauer durchleuchtet werden müssen, sagte Staatsanwalt Molins. Merah habe ein geringes Einkommen gehabt und doch "monatlich Autos gemietet" und über mehrere Wohnungen verfügt.

Klar scheint zu sein, dass sich Merah spätestens ab dem Jahr 2010 radikalisierte. In Toulouse waren er und sein Bruder Abdelkader laut Innenminister Claude Guéant in einer salafistischen Gruppe. Der heute 29-jährige Bruder hatte Verbindungen zu islamistischen Irak-Kämpfern.

Dem französischen Staat blieb auch nicht verborgen, dass Merah 2010 und 2011 plötzlich nach Afghanistan und Pakistan reiste - mit eigenen Mitteln und nicht über die bekannten Netzwerke. Im südafghanischen Kandahar, einer Hochburg der islamistischen Taliban, wurde er bei einer Straßenkontrolle wegen eines gewöhnlichen Delikts festgenommen und an die US-Armee übergeben. Die schickte ihn mit dem nächsten Flugzeug zurück nach Frankreich.

Terror-Ausbildung in Pakistan?

Im Jahr 2011 reiste Merah dann nach Pakistan und ließ sich nach eigenen Angaben in Waziristan im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet vom Terrornetzwerk al-Qaida militärisch ausbilden. Wegen einer Hepatitis-A-Infektion kehrte er Mitte Oktober frühzeitig zurück. Nachbarn berichten, danach sei er völlig verändert gewesen. Der Inlandsgeheimdienst im Raum Toulouse lud ihn im November zu einer Befragung vor, Merah stand bereits unter Beobachtung.

Seine Attentatsserie im Großraum Toulouse bereitete der junge Mann offenbar akribisch vor. In seiner Wohnung, in seinem Auto und im Auto seines Bruders befand sich ein wahres Waffenarsenal, darunter eine Kalaschnikow und eine Uzi-Maschinenpistole.

Attentate "kaltblütig" und "professionell"

In acht Tagen zwischen dem 11. und 19. März verübte der junge Mann mutmaßlich drei Attentate, bei denen er nach Ansicht der Ermittler "kaltblütig", "professionell" und "grausam" vorging. Mit einem aufgesetzten Kopfschuss tötete er seine Opfer, drei Kinder und einen Religionslehrer vor einer jüdischen Schule sowie drei Fallschirmjäger der Armee. Er habe "palästinensische Kinder rächen" wollen, sagte Merah später der Polizei.

Nach dem Angriff auf die Schule dauerte es noch fast zwei Tage, bis ihn die Polizei in der Nacht zum Mittwoch in seiner Wohnung aufspürte. 32 Stunden hielt er sich dort verschanzt, sprach lange mit der Polizei und verkündete, er habe im Auftrag des Terrornetzwerks Al-Kaida gehandelt. Frankreich habe er "in die Knie gezwungen".

Extrem kaltblütig reagierte Merah auch auf den Einsatz von Elitepolizisten in seiner Wohnung am Donnerstagvormittag: Ruhig wartete er im Badezimmer ab, kam dann plötzlich heraus, schoss ununterbrochen auf die Polizisten und versuchte - mit der Waffe in der Hand - über ein Fenster zu flüchten. Scharfschützen der Eliteeinheit Raid erschossen ihn am Ende.

(APA/AFP)