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Toulouse: Tod des unterschätzten Gotteskriegers

(c) AP (Bob Edme)
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Die Polizei stürmte am Donnerstag die Wohnung in Toulouse, in der sich der Attentäter Mohamed Merah verschanzt hielt, und erschoss ihn. Behörden hatten seine Gefährlichkeit seit Jahren falsch eingeschätzt.

Am Donnerstag, kurz nach elf Uhr Vormittag, war die Jagd auf den „Motorroller-Killer“ von Toulouse vorbei: Elitepolizisten stürmten jene Wohnung in Toulouse, in der sich Mohamed Merah seit dem Vortag verbarrikadiert hatte, nachdem er binnen zweier Wochen sieben Menschen in Toulouse und Montauban, darunter drei jüdische Kinder, von einem Roller aus erschossen und Südfrankreich in Angst versetzt hatte.

Merah setzte sich, aus Maschinenwaffen feuernd, zur Wehr, sprang dann aus einem Fenster und wurde beim Sprung von einem Scharfschützen erschossen. Er hatte zuvor die Verantwortung für die Taten übernommen, mit denen er sich für Frankreichs Militäreinsatz in Afghanistan und „das Leid der palästinensischen Kinder“ habe rächen wollen.

 

Anzeigen nicht ernst genommen

Seine Gefährlichkeit hätte der Polizei längst auffallen müssen. Wegen wiederholter Aufenthalte bei den Taliban in Afghanistan und Pakistan hatten ihn afghanische Beamte Frankreichs Geheimdienst gemeldet. Nach einer Pakistan-Reise war er im November 2011 verhört worden: Da machte er glaubhaft, als Tourist dort gewesen zu sein. In der bretonischen Zeitung „Le Télégrame“ erzählt eine Ex-Nachbarin aus Toulouse, sie habe Merah 2010 zwei Mal vergeblich angezeigt, weil er ihren Sohn und andere Jugendliche im Bezirk Les Izards mit al-Qaida-Propaganda indoktrinierte. Merah habe sie darauf mit einem Säbel bedroht. Ihr Anwalt bezeugt, dass man ihre Klage wegen dieses Vorfalls nicht ernst genommen hat.

Frühere Bekannte sagen, Merah sei oft reizbar und gewalttätig gewesen. Er habe ihnen Angst gemacht, weil im Handschuhfach seines Autos immer eine Pistole lag. Er war bereits wegen kleinerer Delikte verurteilt worden, als er 2008 wegen gewalttätigen Diebstahls 18 Monate Haft bekam. Im Gefängnis könnte er erstmals Kontakt zu religiösen Fundamentalisten geknüpft haben.

Merah machte eine Lehre als Autospengler, war Sportautofan und nahm an illegalen Wettrennen teil, Videos davon zirkulieren schon.

 

Woher kam das viele Geld?

Anscheinend war er seit Jahren arbeitslos, was Fragen aufwirft, wie er seinen Lebensunterhalt, seine Reisen und Waffen, darunter Sturmgewehre, finanziert hat. Auch die Rolle seines älteren Bruders, Abdelkader, ist interessant: Er wurde verhaftet, in seinem Auto waren Waffen und Sprengstoff. Er soll seit Langem islamistische Ideen verteidigt haben, etwa des Salafismus und Jihadismus, und Mohamed darin unterwiesen haben. Er trägt den Vollbart der Religiösen und traditionelle Kleidung, seine Gattin ist vollverschleiert. Merah hat sich darauf berufen, im Namen al-Qaidas gehandelt zu haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.03.2012)