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Haderlap: "Deutsch hält mich auf Distanz zum Schmerz"

Deutsch haelt mich Distanz
(c) APA/GERT EGGENBERGER (GERT EGGENBERGER)
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Rauris-Preisträgerin Maja Haderlap erzählt über ihre Kindheit auf einem Kärntner Hof, Reaktionen auf ihren Roman und das Intime des Slowenischen. Sie verrät auch, was sie unbedingt auf eine Insel mitnehmen würde.

Die Presse: Sie sind auf einem Bergbauernhof bei Zelezna Kapla, Eisenkappel, aufgewachsen, Ihre Muttersprache ist Slowenisch. Erst in der Volksschule haben Sie Deutsch gelernt. Was war Ihr erster Eindruck davon als Sechsjährige?

Maja Haderlap: Ich habe das Deutsche schon vorher wahrgenommen, in einigen Sätzen. „Grüß Gott" habe ich schon gekannt. Da habe ich fantasiert: Wenn mich jetzt jemand fragen würde, ob ich schon Deutsch könne, würde ich ja sagen. Die zweisprachige Volksschule in Lepena hat mich ganz freundlich aufgenommen, ich habe keine Angst gehabt. Der Begriff des Lernens war für mich durch diese Zwergschule positiv besetzt.

Gibt es sie noch?

Leider nicht. Sie wurde an dem Tag im Vorjahr geschlossen, als ich den Bachmann-Preis gewonnen habe. Fast zwei Jahre war Florjan Lipus mein Volksschullehrer. Er hat uns auf Slowenisch und Deutsch unterrichtet, die Schüler von der ersten bis zur vierten Klasse waren in einem Raum. Für den Lehrer ist das eine Herausforderung. Mir kamen die Zweisprachigkeit und das Gemeinsame wie eine Einheit vor.

War Ihnen bewusst, dass Lipus ein Dichter ist? Wusste er, dass Sie Talent zum Schreiben haben?

Ich habe mir damals nicht vorstellen können und hätte auch nichts damit anzufangen gewusst, dass er schreibt. Sein Roman „Zögling Tjaz" entstand in dieser Zeit, aber das habe ich erst vor der Matura erfahren. Lipus hat oft Sprachspiele mit uns gemacht. Er hat schon bemerkt, dass ich gerne lese, eine bestimmte Aufmerksamkeit war schon da. Meiner Mutter hat er offenbar gesagt, dass man mich aufs Gymnasium schicken solle. Als ich später anfing, zu publizieren, habe ich die ersten Gedichte an ihn geschickt. Das war mir sehr wichtig. Lipus war der Herausgeber der Literatur- und Kulturzeitschrift „mladje". Er hat die Veröffentlichung befürwortet, die Gedichte an Gustav Janus weitergegeben. Sie haben sogar eine Expertise aus Ljubljana erbeten.


Ihre Lyrikbände in den Achtzigerjahren waren auf Slowenisch verfasst, ein Sammelband hat aber neben dem Slowenischen auch deutsche und englische Übersetzungen. Warum diese Dreisprachigkeit?

Es gab skurriler Weise zuerst von Tom Priestley (?) die Übersetzungen ins Englische. Er ist Kanadier und hatte sich ins Slowenische verliebt. Als es dann die Übersetzungen ins Deutsche gab, haben wir auch die englischen Texte aus der Schublade dazugegeben.

Den Roman „Engel des Vergessens" aber, mit dem Sie im Vorjahr den Bachmann- und Kreisky-Preis und eben erst den Rauriser Literaturpreis gewonnen haben, wurde von Ihnen auf Deutsch geschrieben. Das ist eine Zäsur. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Ich hätte den Roman nicht auf Slowenisch schreiben können. Mir ist das Deutsche inzwischen schon sehr zugewachsen, auch über die Arbeit. Es hält mich auf Distanz zu schmerzvollen Bereichen.

Die intellektuelle Entwicklung in Wien erfolgte auf Deutsch, während die Muttersprache das Lyrische geblieben ist. Ist sie weiter dominant als emotionelle Sprache?

Das Deutsche wurde für mich zur Sprache der Reflexion. Bei meiner Muttersprache geht es mir aber gar nicht so sehr um die Emotion, sondern um die Intimität, die Lyrik braucht. Man führt in Gedichten meist Monologe. Für mich ist damit eher das Slowenische verbunden, weil es ja bei uns keine wirkliche gesellschaftliche Funktion hat. Man bleibt bei sich. Ich habe auch versucht, die Gedichte für Lesungen ins Deutsche zu übertragen. Ich konnte das nicht, und ich übersetze mich nicht. Entweder oder. Der Roman wird von jemandem anderen ins Slowenische übertragen.

Wie war Ihr Studium in Wien? Wurde dort das Slowenische zurückgedrängt?

In Wien gab es den Klub slowenischer Studentinnen und Studenten. Wir haben uns zweimal wöchentlich getroffen und die Kultur gepflegt. Ich konnte mich umschauen und auch ein bisschen trödeln. Das war ein damals üblicher Luxus. Ich habe in der Nähe der Stadtbibliothek gewohnt und habe dort viel gelesen, täglich.

Ist Lesen für Sie lebensnotwendig?

Ich kann auch ganz gut ohne Bücher leben. Wenn ich auf eine Insel nur eine Sache mitnehmen dürfte, würde ich mir wahrscheinlich ein Musikinstrument mitnehmen.

Keinen Bleistift?

Den würde ich mitschmuggeln. Aber die Musik wäre wohl an erster Stelle.

Wie kam es zur Struktur Ihres Romans. Es gibt eine Ich-Erzählerin, die anfangs ein Kind, dann eine junge Frau ist, es gibt aber auch starke Passagen, in denen die Perspektiven von Großmutter, Vater und Mutter dominieren. Der Schluss ist reflektierter. Handelt es sich um einen Entwicklungsroman?

Bei der Aneignung der Romanform habe ich versucht, die Lyrik sehr stark einzubringen. Dafür ist diese Gattung offen. Der Bruch zur Reflexion ist dadurch bedingt, dass das Kind heranwächst. Ich wollte das Werk nicht in der Kinderperspektive enden lassen. Die Brüche öffnen die Form und erleichtern mir, die Geschichten der Nachbarn und Verwandten in den Roman einzubringen.

Die Namen der Eltern und der Großmutter sind die gleichen wie in ihrer Familie, und auch deren Schicksal im Zweiten Weltkrieg wird wiedergegeben. Ihr Vater war als Kind bei den Partisanen und hat nur knapp überlebt, so wie die Großmutter im KZ Ravensbrück. Was geht in Ihrem Werk wesentlich über die Fakten hinaus?

Das Faktische sind die Mosaiksteinchen, die dem Text zugrunde liegen. Was ich über Verwandte und Nachbarn erzähle, ist tatsächlich passiert. Meine Mutter hat dazu gesagt, dass ich die Wahrheit schreibe. Alles andere aber ist Literatur, eine Inszenierung, Zuspitzung. Insofern bewegt sich der Roman über das autobiografische Erinnern weit hinaus.

Der Tod scheint allgegenwärtig ...

Ich habe lange überlegt, wie man dieses Kind zeigt. Es ist ein wichtiger Hinweis, wie es diese Geschichten vom Tod mit großer Aufmerksamkeit aufnimmt. Es kommt recht früh mit solchen Erfahrungen in Kontakt.

Wer Fiktion und Biografisches gleichsetzt, gerät in eine Falle. Der Leser neigt zu Kurzschlüssen. Was haben Ihre Mutter und die noch lebenden Verwandten zu ihrem Buch gesagt?

Die Reaktionen waren schön, meine Mutter war sehr solidarisch. Ich hatte das Gefühl, meine Verwandtschaft habe mich jetzt richtig integriert. Ich bin ja mit elf weggegangen, erst ans Gymnasium in Klagenfurt und dann an die Universität in Wien. Es wurde viel miteinander telefoniert über den Roman, dabei wurde auch geweint. Es war rührend. Obwohl ich über sehr prekäre Dinge schreibe, gab es keine entsetzten Reaktionen.

In dem Buch bricht etwas auf, so wie in Peter Handkes gleichzeitig entstandenem Stück „Immer noch Sturm". Kärntner Slowenen werden dafür gewürdigt, dass sie im Zweiten Weltkrieg als Partisanen gegen die Nazi-Diktatur kämpften. Vor zwanzig Jahren hätten das jene wild bekämpft, die die Slowenen als Kommunisten und Vaterlandsverräter diffamierten. Wie ist hier die Reaktion?

Das Buch wird von vielen gelesen, als eigene Geschichte. Ich höre die unterschiedlichsten Lebensgeschichten, die Leute kommen damit an ihrem Lebensabend heraus. Sie haben diese KZ- und Partisanengeschichten bisher verschwiegen und unterdrückt. Mein Wunsch aber war es, das Buch so aus dem Politischen herauszuziehen, dass man es nicht instrumentalisieren kann, sondern über Substanzielles spricht. Anscheinend sind die Menschen bereit dazu, dass sie ihre komplexen Lebensgeschichten erzählen.

Als Sie ab 1992 für 15 Jahre Chefdramaturgin am Stadttheater Klagenfurt waren, bei Intendant Dietmar Pflegerl, war die Atmosphäre hochpolitisch. Mit kurzer Unterbrechung war FPÖ-Chef Jörg Haider damals bereits Landeshauptmann. Wie ist es Ihnen in diesem Reizklima ergangen?

Es war außerordentlich spannend. Pflegerl war von sehr vielen Konflikten, die es in Kärnten gab, überrascht.

Das konnte Ihnen wohl nicht passieren?

Ich war nicht überrascht, aber ängstlich. Ich bin auch beschimpft worden. Das hat mich verletzt. Erst in dieser Zeit habe ich begriffen, dass ich punziert war. Von bestimmten Leuten und Interessensgruppen bin ich eingeordnet gewesen: Partisanin und Slowenin. Das war schwer zu ertragen. Es gab dann im ersten Jahr die Aufführung von „Kabale und Liebe" in der Inszenierung von Martin Kusej. 50 Prozent der Premierenbesucher haben schreiend und lärmend den Raum verlassen. Es war ein Skandal, dass Ferdinand und Luise ein paar Minuten nichts sagten, auf einem zu großen Sofa saßen, mit trüber Limonade. Die Leute haben das nicht ausgehalten. Zudem fragte sich der Kärntner Heimatdienst, wie jemand aus dem Unterland sich an Schiller versuchen könne. Das Abonnement-Publikum wechselte danach sehr stark. Viele kündigten, viele Neue kamen dazu.

War das Theater ein Umweg, der das Schreiben verzögerte? Ein Reifungsprozess?

Ich hätte den Roman mit 30 oder auch mit 40 nicht schreiben können, er musste erst wachsen. Die Zeit als Dramaturgin möchte ich nicht missen, insofern hat es gepasst.

Nach nicht einmal einem Jahr sind 75.000 Exemplare Ihres ertsen Romans gedruckt. Was kommt jetzt nach diesem großen Erfolg?

So etwas wie den „Engel" werde ich sicher nicht mehr schreiben, das war eine einmalige Situation. Mein Wunsch ist es, wieder Gedichte zu veröffentlichen. Große Pläne und Wünsche sollte man still pflegen, man sollte den Mund nicht zu voll nehmen, das führt zu Verkrampfungen. Ich habe jetzt vor allem das Gefühl, Zeit gewonnen zu haben.

Aus Kärnten kommen große Dichter. Peter Handke, Gert Jonke, Josef Winkler, um nur einige zu nennen. Beflügelt das, oder schüchtert Sie das ein?

Wenn man das kompetitiv sieht, könnte es einen einschüchtern. Ich sehe das Gott sei Dank nicht so, fühle mich nicht in Konkurrenz zu diesen Autoren. Da machte man sich das Leben schwer. Ich lese sie lieber und halte mich sonst zurück. Handke, den ich ungemein bewundere, hat mein Manuskript gelesen und es auch kommentiert.

Das Slowenische als Muttersprache ist in Kärnten auf dem Rückzug. Sehen Sie sich als eine der letzten Vertreterinnen davon?

Es gibt einerseits einen Erosionsprozess, eine Entwicklung hin zur passiven Sprachkompetenz. Zugleich aber bestehen löbliche Ausnahmen. Es gibt Menschen, die sehr gut Slowenisch sprechen. Auch die Öffnung Sloweniens kann ein Impuls sein, Sie bewirkt vielleicht auch, dass immer mehr Kinder zum zweisprachigen Unterricht angemeldet werden. Diese Sprache hat bei uns in Kärnten jedoch nur in privaten Räumen eine Funktion, sie kann aber nur überleben, wenn sie im Gebrauch ist. Das Slowenische in Kärnten wird wahrscheinlich weiter zurückgehen. Wo diese Sprache nur als Politikum gesehen wird, wird sie sterben.

Rauriser Literaturtage

Zum 42. Mal gibt es das Pinzgauer Festival. Am Samstag wird ab elf gelesen, am Sonntag um halb elf eine Film-Dokumentation gezeigt. Bei „Rauris extrem“ am Montag lesen Bodo Hell und Peter Gruber auf dem Sonnblick.

„Salz“: Das Heft 147 der Zeitschrift für Literatur begleitet Rauris bei der „Erfindung der Wahrheit“.