Der Mord an einer 49-jährigen Bankangestellten im Tiroler Unterland hat Freunde und Bekannte in einen Schockzustand versetzt. Der tatverdächtige Polizist leugnet die Tat und hüllt sich in Schweigen.
Innsbruck/Wien. Der Schock sitzt tief in der 900-Einwohner-Gemeinde Strass im Zillertal. Vor dem Eingang der Raiffeisenkasse haben Angehörige und Mitarbeiter der Bank Kerzen und Blumen abgelegt. Ein Andenken an die 49-jährige Zweigstellenleiterin Erika H., die am Freitag vergangener Woche tot in ihrem Wagen im benachbarten Ort Wiesing gefunden wurde. Ein 51-jähriger Polizist soll gezielt ihr Vertrauen erschlichen und sie zu einem obskuren Goldgeschäft überredet haben, um sie zu ermorden und das Gold im Wert von 333.000 Euro an sich zu nehmen. Die Einzelheiten des Deals – die Prokuristin verließ die Bank mit Goldbarren, um sie an einen angeblichen Kunden zu verkaufen – sind immer noch unklar. Der Polizist leugnet die Tat und schweigt, vom Gold fehlt jede Spur.
„Wir können dazu wirklich nichts sagen, bitte wenden Sie sich an unsere Geschäftsleitung“, sagt eine junge Kollegin der Ermordeten mit gebrochener Stimme. Während sie ihren Dienst am Schalter versieht, ringt sie um Fassung. Ihre Augen sind verweint, ihr Gesicht eingefallen. „Bitte haben Sie Verständnis für unsere Situation“, flüstert sie und dreht sich um.
Auch die Verkäuferin im gegenüberliegenden Lebensmittelgeschäft zeigt sich eine Woche nach der Tat noch immer entsetzt. „Sie hat oft bei uns eingekauft, sie war so ein netter Mensch.“ Die Umstände des Mordes hätten den Ort in einen Schockzustand versetzt. „Wir sind ratlos. Wir würden gern verstehen, was passiert ist, vielleicht wäre das ein Trost. Aber wir verstehen es einfach nicht.“
„Du kannst niemandem trauen“
„Sie wurde gestern begraben, also lassen Sie es gut sein“, sagt ein Pensionist, der unmittelbar neben der Bank wohnt. „Ich kannte Erika gut, eine anständige Frau. Ich bin sehr traurig darüber, was ihr widerfahren ist.“ Auch den tatverdächtigen Polizisten, der sich seit 25 Jahren nur 50 Meter von der Bank entfernt im Dienst befand, kenne er „ein bisschen“. „Ein Polizeibeamter, das muss man sich mal vorstellen. Heutzutage kann man niemandem mehr über den Weg trauen.“ Es werde eine Weile dauern, bis Gras über die Sache gewachsen ist. „Das Gras in meinem Garten wächst sicher schneller.“ Besonders zermürbend seien die Spekulationen gewesen. „Am ersten Tag dachten viele an Selbstmord. Heute wissen wir, dass es nicht so war. Mehr aber auch nicht.“
Unterdessen setzt das Landeskriminalamt Vorarlberg seine Ermittlungen fort. Laut aktuellem Stand steht der in U-Haft sitzende Polizist im Verdacht, die Frau mit Chloroform betäubt, im Wagen angegurtet und einen Notsignalgeber im Auto entzündet zu haben. Das Opfer erstickte schließlich am Kohlenmonoxid.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.03.2012)