Schnellauswahl

Mit Lido und Libido

Was in Bettina Balàkas Roman „Kassiopeia“ als Reise in die Serenissima beginnt, mündet bald in ein Versteckspiel um Identitäten, voll Ironie sowie Zitaten und Figuren mit literarischem Bezug.

Kassiopeia, eitle Königin oder Göttin, die ihre Meinungsfreiheit durchsetzt? Kassiopeia, Sternbild, Kindheitszauberwort der Protagonistin, schließlich Buchtitel eines verehrten Autors: Omen in einem literarischen Vexierspiel?

Die Rahmenhandlung von Bettina Balàkas Roman „Kassiopeia“ ist rasch skizziert: Judit Kalman, eine aus Salzburg stammende, wohlsituierte Frau Anfang 40, kommt im Juli nach Venedig. Zweck des Besuchs ist weder Urlaub noch Arbeit als Broterwerb: Sie will vielmehr Markus ködern, der auf Schreibklausur in der Lagunenstadt ist. Den Schöpfer von „Kassiopeia“ hatte sie bereits einmal in Wien gekonnt verführt, doch er entzog sich bald ihren Künsten, um nicht zu sagen: ihrem Stalking. Sie steigt in der Ferienwohnung einer Freundin ab, sucht das Objekt ihrer Begierde, stellt es – doch gleich wieder entwischt es. Eine überraschend aus Wien nachgereiste Freundin sowie – nicht angenommene – Telefonanrufe von Judits Schwester sorgen zusätzlich für eher harmlos anmutende Belästigung im sommerlichen Venedig.

Ausgerechnet Venedig. Von Schiller über Henry James bis Thomas Mann – klar, dass Bettina Balàka den literarischen Topos kennt, daraus schöpft, mit den Klischees der Serenissima spielt, der Erhabensten, Allerdurchlauchtesten, der Projektionsfläche von Romantik, Luxus und Untergang. „Kassiopeia“ ist vordergründig leichte Muße, ein ironisches Versteckspiel um Identitäten und biografische Verwirrungen, voller Zitate und Figuren mit literarischem Bezug. Dabei ist nichts (auto-)biografisch, Kalman kein ungarisches Alter Ego für Balàka: Alles ist Fiktion, versichert die Autorin glaubhaft.

Alles sei biografisch, meinte der Maler Lucien Freud einst. Alles sei biografisch, sagte ebenso George Tabori, „auch eine Einkaufsliste“. Um die Einkaufsliste kümmert sich hier die attraktive venezianische Hausangestellte, während in Judit bei der Jagd nach dem Liebsten, im Vaporetto und zu Fuß zwischen Palazzi und Touristenmassen, Erinnerungen an vergangene Besuche, Exliebhaber und ihre eigene Ursprungsfamilie aufsteigen. In launigen Rückblicken ist der jeweilige Zeitgeist der Siebziger-, Achtziger-, Neunziger- und der Nullerjahre meisterhaft eingefangen.

In kaleidoskopartigem Wechsel werden Bindungsängste, Beziehungstraumata, Feminismus, politische Korrektheit, Esoterik, Schönheitsideale, Diätwahn, Glückseligkeitssehnsüchte und Machbarkeitsglaube in Szene gesetzt. Die Episoden sind keine psychologischen Fallgeschichten; analytisches Diagnosevokabular ist nur nuanciert eingesetzt – und wenn, dann als ironisches Zitat.

Judit folgt Strängen der Biografie ihrer Eltern, väterlicherseits nach Ungarn, mütterlicherseits nach Südtirol. Alles ist ein bisschen mitteleuropäisch-gemischt, aber nicht wirklich aufregend: „Die vier Kalmans hatten allesamt hellblaue Augen und Judit auch noch hellblondes Haar, was ihr das schreckliche Gefühl gab, arisch auszusehen. Kein Mitglied der Salzburger Jugend der Achtzigerjahre legte Wert darauf, arisch auszusehen. Manche gingen sogar so weit, sich eine jüdische Verwandtschaft zu erfinden, um unmissverständlich klarzumachen, auf welcher Seite der Geschichte sie standen.“

Die Familiengeschichte bietet etliche Geheimnisse, doch die Geister der Vergangenheit sind hier – wie selten in der zeitgenössischen österreichischen Literatur – weniger in den Keller gesperrte Dämonen denn Kobolde im knarrenden Gebälk. Balàka arbeitet sich nicht an den fiktiven Vorfahren ab, sondern jongliert mit ihnen, mit der Kulisse am Lido, wie auch mit der Sprache, mit scharf(sinnig)en Gedanken über Beziehungen, über menschliche Schwächen und Perfidie: Reflexionen, die nuanciert eingestreut sind. Die versierte Erzählerin geht in ihrem Roman „Kassiopeia“ nie ganz nahe an die Figuren ran. Sie skizziert sie meist aus Judit Kalmans Perspektive – durchaus plastisch auf den Punkt gebracht oder à la Kishon bissig entlarvt, etwa bei dem von den Freundinnen diskutierten Dilemma der Hingabe an (lukullische) Sinnlichkeit versus Gewichtsprobleme („Du bist eine Fresssüchtige, gefangen im Körper eines Kontrollfreaks!“). Und dabei wirken sie doch wie schwerelos.

Balàka hat verdientermaßen eine Menge Preise für ihre Romane, Erzählungen, Gedichte, Theaterstücke, Hörspiele und Essays erhalten. Mit „Der langanhaltende Atem“ entstand bereits 2000 eine Art E-Mail-Roman. Der herausragende Roman „Eisflüstern“ (2006) wurde mehrfach übersetzt. Darin hatte die 1966 in Salzburg geborene Autorin packend die Schrecken des Ersten Weltkriegs sowie die Atmosphäre und das Elend im hungernden Wien der Jahre danach fassbar gemacht. In „Titanic“, der Haupterzählung in der Kurzgeschichtensammlung „Auf offenem Meer“ (2010), wurde das Grauen eines stalinistischen Gulags heraufbeschworen. Mit „Kassiopeia“ hat sich die in Wien Lebende wieder einmal neu erfunden. Venedig ohne kitschige Magie dient als Kulisse einer heiteren Gegenwelt, frei von existenziellen Sorgen, Tagespolitik, Finanzkrise und globaler Verantwortung.

Selten verharrt Balàkas genreübergreifende Fabulierkunst wie das Sternbild an einem Ort, bei einer Begebenheit. Trotz aller Rückblenden hält sie mit den unzähligen auftauchenden und wieder in der Vergangenheit versinkenden Vorfahren, Rand- und Nebenfiguren dennoch den Spannungsbogen mühelos aufrecht. Die Kapitel sind numerisch durchgetaktet, alles kommt scheinbar leichtfüßig daher, und doch zeigen die Beobachtungen die Untiefen des Alltags. Ihre witzig-lakonische Sprache tut – ob all der Anspielungen bis hin zu Thomas Bernhard – harmloser, als sie ist. Neben manch ausufernden und prall ausgeschmückten Episoden liegen die wahren Preziosen in knappen, melodiös-atmosphärischen Passagen: „An der Mole plepperten leere Plastikflaschen“, „Wie Gefangene schauten Zypressen über die Mauern“, oder an anderer Stelle: „Sie stand auf, um die Ventilatoren auszuschalten. Sie lauschte. Man hörte, dass es Abend wurde. Als würden die Geräusche klarer werden, weniger staubig.“

Nach einer Reihe unverhoffter Wendungen des venezianischen Liebesglücksspiels und überraschenden Erkenntnissen entpuppt sich gegen Ende das vermeintliche Stalking-Opfer Markus als Täter, die Täterin als Leidtragende eines Experiments. Oder doch nicht? Und wenn sich zuletzt auch die biografischen Rätsel lösen, bleibt doch noch manches offen. Insgesamt ist der neue Roman ein gelungener Lobgesang auf das Leben. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.03.2012)