Ein Pilotprojekt der Landwirtschaftskammer Wien will Bauern dafür gewinnen, auf ihrem Hof soziale Einrichtungen unterzubringen. In einigen Pionierbetrieben wird das Modell bereits umgesetzt.
Auf den ersten Blick wirkt der Adelwöhrerhof im steirischen St.Oswald-Möderbrugg wie ein ganz normaler Bauernhof mit ein paar Kühen, Ziegen, Schweinen, Hühnern und Pferden. Auf den zweiten tippt man vielleicht zusätzlich auf ein paar Fremdenzimmer, mit denen sich die Besitzer im Rahmen eines Urlaub-auf-dem-Bauernhof-Angebots einen Zusatzverdienst sichern. Tatsächlich beherbergt der idyllisch gelegene Hof aber eine kleine, vom Land Steiermark anerkannte, stationäre Pflegeeinrichtung für hochbetagte und zum Teil schwer kranke Menschen. Zwölf ausgebildete Pflegekräfte, sieben in Ganzzeit, fünf in Teilzeit, kümmern sich hier um 14 Bewohner, die in der Regel die 80 Jahre bereits überschritten haben und eine intensive Betreuung benötigen.
Interaktion mit Tieren und Natur
„Green Care“ nennt sich dieses Modell, das Petra Steiner, eine diplomierte Krankenschwester, auf dem Hof ihres Mannes umgesetzt hat, und das Nicole Prop künftig in größerem Maßstab in Österreich verwirklicht sehen möchte. „Die Idee von ,Green Care‘ setzt auf die gesundheitsfördernde und -vorsorgende Interaktion zwischen Mensch, Tier und Natur – also auf etwas, das im Umfeld eines landwirtschaftlichen Betriebes ideale Voraussetzungen findet“, erklärt Prop. Die gebürtige Niederländerin ist von der Landwirtschaftskammer Wien beauftragt, im Rahmen eines Pilotprojekts entsprechende Konzepte zu entwickeln und Landwirte in Wien und Umgebung dafür zu gewinnen, sie auf ihrem Hof umzusetzen. Gefördert wird das Projekt von der EU, dem Lebensministerium und der Stadt Wien. Prop schweben dabei nicht nur Pflegeeinrichtungen für betagte oder behinderte Menschen vor, auch für Kinderpädagogik oder tiergestützte Psychotherapie sieht sie auf einem Bauernhof ein ideales Umfeld gegeben. „In anderen europäischen Ländern wie Holland, Belgien oder Deutschland hat man damit bereits gute Erfahrungen gemacht“, so Prop.
Die Schaffung eines menschenwürdigeren, natürlichen Umfeldes für Pflege- und Betreuungseinrichtungen ist nicht das einzige Ziel des Projekts. Es gehe, betont Prop, auch um eine „Diversifizierung“ der Landwirtschaft. „Vor allem kleinere Bauern können von der reinen Landwirtschaft kaum mehr leben. Mit einer sozialen Dienstleistung auf ihrem Hof können sie sich ein zweites Standbein schaffen.“
Genau das war auch die Überlegung, von der sich Petra Steiner leiten ließ, als sie nach ihrer Heirat auf den Adelwöhrerhof zog. „Die Landwirtschaft war zu klein, um gewinnbringend betrieben zu werden, da mussten wir uns etwas einfallen lassen.“ In ihrer Überzeugung bestärkt wurde sie durch ihre Erfahrungen als Krankenschwester in einer öffentlichen Pflegeeinrichtung, die sie als bedrückend empfand: „Ich wollte es besser machen und sah eine Marktlücke.“
Ohne Investitionen ging es nicht: Da das Haus auf die besonderen Bedürfnisse der älteren Bewohner abgestimmt werden musste, wurde der Hof neu und barrierefrei umgestaltet. Heute wohnen die Gäste in modern ausgestatteten Zimmern und sitzen mitten in der Natur in engem Kontakt zu den Tieren des Bauernhofs. Das, meint Steiner, sorge unter anderem für Abwechslung und ständigen Gesprächsstoff, der in normalen Einrichtungen so nicht gegeben ist.
Start bei null
Eine Bäurin wie Steiner, die die fachlichen Voraussetzungen zur Gründung einer eigenen Pflegeeinrichtung mitbringt, ist der Idealfall – eine Bedingung ist es nicht, betont Prop. „Bei der angedachten Einrichtung von Pflege- oder Therapiezentren auf ihrem Hof könnten die Landwirte auch einfach nur ihre Infrastruktur zur Verfügung stellen und Sozialträger sich einmieten.“
Man kann es sogar so machen, wie es Margit Fischer vom Himmelschlüsselhof im niederösterreichischen Texing gemacht hat. Sie hat Ende der 1980er-Jahre einen alten verfallenen Bauernhof gekauft, ihn gemeinsam mit ihrem Mann, einem Architekten, umgebaut, und darauf eine sozialtherapeutische Arbeits- und Lebensgemeinschaft für Behinderte eingerichtet. „Ursprünglich wollten wir damit nur unserem geistig behinderten Sohn ein würdiges Leben ermöglichen. Erst im Laufe der Zeit ist daraus ein größeres soziales Projekt geworden“, berichtet Fischer über die Hintergründe. Dabei hatte das Ehepaar nicht einmal einen landwirtschaftlichen Hintergrund: „Wir mussten die Bewirtschaftung erst von Grund auf lernen“, berichtet Fischer, die heute stolz darauf ist, den Biobauernhof nach Demeter-Kriterien zu bewirtschaften. Zwölf geistig und mehrfachbehinderte Menschen leben inzwischen „wie in einer Großfamilie“ auf dem Hof, betreut von neun qualifizierten Mitarbeitern. Die laufenden Kosten dafür werden laut Fischer durch Taggelder abgedeckt, die die niederösterreichische Landesregierung bereitstellt. Ein zusätzliches Einkommen garantieren die ab Hof verkauften Bioprodukte und Webarbeiten, hinzu kommen Spenden von Gönnern und Sympathisanten des Projekts.
Win-win-Modell
Vom Green-Care-Modell profitieren im Grunde alle Beteiligten, gibt sich Prop überzeugt: „Die Betreuten durch mehr Lebensqualität, der Landwirt durch die Erschließung einer zusätzlichen Einnahmequelle, und die Sozialträger können sich in einer Nische profilieren, die gut fürs Image ist.“ Ihr Projekt läuft noch bis 2013 und bis dahin muss sie noch viel Überzeugungsarbeit leisten, auch wenn laut eigenen Angaben bereits 30 Betriebe ernstes Interesse bekundet haben. „Unser Ziel ist klar. Im Endeffekt muss es Green Care auf Krankenkasse geben“, betont Prop.
Auf einen Blick
Unter „Green Care“ versteht man ein Pflege- und Betreuungskonzept, das auf den engen Kontakt mit Natur und Tieren setzt. Da Bauernhöfe hierfür ein ideales Umfeld bieten, könnten sich sozial engagierte Landwirte damit ein neues Standbein schaffen. Die LK Wien unterstützt sie dabei.
Infos unter:
Landwirtschaftskammer Wien, Tel.: 01/587 95 28-28
www.lk-wien.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.03.2012)