Zweite Generation: Bisch a Türke, bisch a Tiroler

Zweite Generation Bisch Tuerke
Zweite Generation Bisch Tuerke(c) AP (Alexandra Beier)
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Die zweite türkische Generation in Tirol ist sich ihrer wichtigen Rolle als Brückenbauer zwischen den Kulturen bewusst. Sie präsentiert sich selbstsicher und geht eigene Wege.

Fühlt sie sich nun als Österreicherin oder als Türkin? Für Ermahan Kizil aus dem Tiroler Oberland braucht es keine Antwort auf diese Frage. Sie weiß es nicht – und sie macht sich auch keine allzu großen Gedanken darüber. „Ich komme aus der Türkei, bin aber in Österreich aufgewachsen. Also bin ich beides, Türkin und Österreicherin. Dieses ständige Kategorisieren – das muss doch nicht sein“, meint die 25-jährige Reisebüroangestellte, die mit vier Jahren nach Tirol gekommen ist und schon einmal ein Dirndl anzieht, um auf ein Dorffest im Zillertal zu gehen.

„Die Bezeichnung ,türkische Tirolerin‘ beschreibt meine Identität am besten“, sagt die 34-jährige Verkäuferin Tülay Yüksel aus Innsbruck. „Ich bin in Tirol geboren und fühle mich hier sehr wohl. Obwohl ich mit Vorurteilen konfrontiert werde, ist Österreich zu einer neuen Heimat für mich geworden, die ich lieben gelernt habe.“

Kizil und Yüksel sind zwei von mehr als 30.000 türkischstämmigen Menschen in Tirol. Die meisten sind als Kinder der Gastarbeiter in den 1960er- und 1970er-Jahren nach Österreich gekommen. Sie haben Obstgeschäfte und Bäckereien eröffnet, sind Mechaniker geworden, Ärzte und Lehrer. Ihre Ankunft in Innsbruck, Kufstein, Landeck und Imst ging leise über die Bühne – ohne besonderes Aufsehen haben sie sich selbstbewusst ihren Platz in der heimischen Gesellschaft erobert. Viele von ihnen kommen in der öffentlichen Diskussion kaum vor, auch die Politik kümmert sich nicht um sie, schließlich machen sie keine Probleme. Nicht wenige von ihnen haben inzwischen selbst die Aufgabe des Brückenbauers übernommen und engagieren sich in der türkischen Gemeinde, um Landsleuten zu helfen, sich besser zu integrieren.

„Als ich vor acht Jahren nach Innsbruck gekommen bin, haben mich die Berge fast erdrückt“, erzählt Barbaros Cakir. Der 36-Jährige wuchs in der türkischen Küstenstadt Izmir auf – heute ist er der einzige türkische Ski- und Snowboardlehrer sowie Bergsportführer Tirols. „Ich war an die Weite des Meeres gewöhnt. Daher habe ich in Tirol von Anfang an jede Gelegenheit genutzt, um auf die Berge zu gehen. Ich glaube ja fest daran, dass der geistige Horizont eines Menschen auch von seinem Blickfeld abhängt.“ Aus seinem Hobby wurde eine Leidenschaft und mittlerweile auch sein Beruf. Cakir, der einen Abschluss in Gesundheits- und Leistungssport hat, konnte nach und nach immer mehr Türken dafür begeistern, Ski zu fahren und Bergtouren zu machen. „Der Vorwand, dass es keine türkischen Lehrer gibt, galt nicht mehr.“

„Vergessen zurückzukehren“. Ein Türke als Bergsportführer – für manchen traditionsbewussten Tiroler ein ungewohnter Anblick. „Es kam schon mal vor, dass sich manche anfangs etwas skeptisch zeigten, aber nach einer gemeinsamen Tour waren jegliche Berührungsängste ausgeräumt“, sagt Cakir. „Türken und Tiroler, die einen Berg hinaufsteigen, einander helfen, zuhören und einen schönen Tag miteinander verbringen – das ist gelebte Integration, die mir ein Anliegen ist und die ich fördern will.“ Und die der Grund dafür ist, dass er trotz attraktiver Angebote aus der Türkei nicht in seine alte Heimat zurückkehren will.

Nicht nur Cakir, viele junge Türken sind in der Türkei begehrte Leute auf dem Arbeitsmarkt, weiß auch Gerhard Reheis, Landesrat für Integration: „Die türkische Wirtschaft boomt, das Land wirbt immer mehr gut ausgebildete junge Türken ab. Arbeitskräfte, die Tirol irgendwann abgehen könnten.“ Daher sei es umso wichtiger, für die hier lebenden Türken Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen sie sich willkommen fühlen. Eine Erkenntnis, die die Tiroler – obwohl sie im Umgang mit Gästen durchaus geübt seien – erst hätten lernen müssen. „Und eine Entwicklung, die noch nicht abgeschlossen ist“, so Reheis. „Zu der es aber keine Alternative gibt.“ Denn aus den ehemaligen Gastarbeitern seien Tiroler geworden, „die das Land bereichert haben und es auch nicht mehr verlassen werden, wie das bei Gästen sonst üblich ist“.

„Das Land verlassen?“ Kizil schüttelt ungläubig den Kopf. „Eine Rückkehr in die Türkei ist ausgeschlossen, wir haben uns zu sehr von der Kultur und Lebensweise dort entfernt.“ „Wenn, dann hätten unsere Eltern zurückkehren müssen, als es noch nicht zu spät war“, meint Yüksel. „Ich erinnere mich, wie sie früher oft davon geträumt haben, aber 40 Jahre später sind wir immer noch hier. Irgendwie haben wir wohl vergessen zurückzukehren. Und mittlerweile ist dieser Zug ein für allemal abgefahren.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.03.2012)

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