Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Der Bauer leidet an Überschuss

Bauer leidet ueberschuss
(c) Bilderbox
  • Drucken

Samenhersteller wie Monsanto, Verarbeiter wie Nestlé oder Verteilerketten wie Carrefour versuchen eher, ihren Aktionären gefällig zu sein als mit knappen Gütern vernünftig zu wirtschaften.

Die Gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union verfolgte seit ihrer Einführung im Jahre 1962 vier zentrale Ziele: die Nahrungsmittelversorgung ihrer Bewohner zu sichern, die landwirtschaftliche Produktivität zu erhöhen, die Unabhängigkeit Westeuropas bei der Nahrungsmittelversorgung zu stärken und den Landwirten einen Lebensstandard zu ermöglichen, der mit anderen gesellschaftlichen Berufskategorien vergleichbar ist.

Die beiden ersten Ziele wurden schnell erreicht. Seit der Mitte der 1970er-Jahre war das zentrale Problem nicht mehr der Mangel, sondern der Überschuss. Europa ächzte unter seinen Überproduktionen. Die agrarwisssenschaftliche Forschung erreichte ihre Ziele weit über die verwegensten Erwartungen hinaus. Aber im Lauf der Jahre stagnierten die landwirtschaftlichen Einkommen oder gingen in vielen Regionen sogar zurück, was einen massiven ländlichen Exodus und eine Verödung des Landes zur Folge hatte. Im Zeitraum einer Generation wurde die europäische Gesellschaft auf den Kopf gestellt. Europa, anfangs noch im Wesentlichen eine bäuerliche Gesellschaft, hat sich in eine städtische und industrielle Gesellschaft gewandelt. Seit der Mitte der 70er-Jahre wurde eine Erkenntnis immer drängender: Die Gemeinschaftliche Agrarpolitik (GAP) war am Ende. Ein Kurswechsel war nötig.

Schnell wurden andere Nebeneffekte sichtbar. Die Verschmutzung der Gewässer durch Nitrate und Pestizidrückstände ist eines der größten Probleme der öffentlichen Gesundheit geworden. Die landwirtschaftlichen Nutzflächen, die durch eine unkontrollierte Verstädterung unerbittlich zurückgedrängt wurden, verschwanden mit einer beängstigenden Schnelligkeit. Die Böden erodierten, und wir erleben einen beunruhigenden Verlust an Artenvielfalt bei Pflanzen und Tieren. Das produktivistische Agrarmodell zerstörte weiterhin Arbeitsplätze, während der Industrie- und der Dienstleistungssektor gleichzeitig eine noch nie da gewesene wirtschaftliche Krise erlebten.


80 Millionen Europäer sind arm. Noch schlimmer, 80 Millionen Europäer verfügen nicht über ein ausreichendes Einkommen, um ihre Familien zu ernähren, und müssen sich karitativen Organisationen zuwenden. Im Jahr 2012 hängt die Europäische Union sehr stark von pflanzlichen Importen ab, besonders vom Soja aus Südamerika, und die landwirtschaftliche Handelsbilanz weist nun strukturelle Defizite auf. Der Erfolg der GAP in den 70er-Jahren war nicht mehr als eine ferne Fata Morgana.

Seit 30 Jahren haben die Regierungen den großen Unternehmen vorn und hinten das Ruder überlassen. Samenhersteller wie Monsanto, Verarbeiter wie Nestlé oder Verteilerketten wie Carrefour versuchen – verständlicherweise – eher ihren Hauptauftraggebern – und das sind die Aktionäre – gefällig zu sein als mit knappen Gütern, wie der Landschaft, dem Wasser, dem Boden oder der Artenvielfalt und dem ländliche Raum, vernünftig zu wirtschaften.

Bis 2014 muss die Europäische Union ihre Gemeinsame Agrarpolitik reformieren. Das ist keine Aufgabe, die leicht genommen werden darf. Die GAP hat einen Anteil von 40 Prozent am EU-Budget. Die Zeit ist gekommen, nicht wie in der Vergangenheit rein kosmetische Verbesserungen vorzunehmen, sondern ehrgeizige und klare Ziele für die Bürger und Landwirte neu zu definieren.

Die grüne Fraktion im Europäischen Parlament setzt sich für eine Verstärkung der Nahrungsmittelsouveränität in Europa ein. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir die Eiweißimporte schrittweise verringern und unsere lokale Produktion von Eiweißpflanzen erhöhen. Durch die Einführung von Pflanzen wie der Erbse, der Luzerne, der Sojabohne oder der Lupine in die Fruchtfolge gewinnen wir auf allen Ebenen: Wir verbessern unsere Handelsbilanz, wir stoppen die Bodenerosion, wir verringern den Ausstoß von Treibhausgasen und erreichen eine größere Unabhängigkeit unserer Landwirte von ihren Zulieferfirmen.

Wir müssen die Biolandwirtschaft unterstützen und den Direkthandel dynamisieren, um die direkten Kontakte zwischen den Herstellern, den Landwirten, und ihren Kunden, den Konsumenten, zu verstärken. Diese Entwicklung wird es nicht von einem Tag auf den anderen erlauben, die großen urbanen Zentren zu ernähren. Es müssen spezifische Regeln entwickelt werden, um die lokalen Märkte zu unterstützen. Das Europäische Parlament zeigt sich beunruhigt über den Rückgang der bäuerlichen Einkommen. Es hat sich mit einer sehr breiten Mehrheit dafür ausgesprochen, dass die Landwirte einen größeren Teil des durch ihre Tätigkeit geschaffenen Mehrwertes behalten dürfen. Angesichts der Macht der großen Konzerne ist es unabdingbar, dass sie in der Lage sind, Herstellerverbände auf die Beine zu stellen, die den Verkaufspreis ihrer Produkte verhandeln können. Es ist unannehmbar, dass die Bauern mit Verlust verkaufen müssen.


Österreich als Stimme der Modernität.
Die GAP muss ein Instrument des Zusammenhalts und der Solidarität sein. Die Unterschiede, die in der Behandlung der Landwirte in den verschiedenen Mitgliedstaaten existieren, sind inakzeptabel. Österreich, das es auch unter schwierigen Umständen verstand, eine biologische Landwirtschaft zu entwickeln, weiß, dass auch andere für seine Wirtschaft lebenswichtige Sektoren wie der Tourismus davon stark profitieren. Im Europäischen Rat sollte Österreich daher die Stimme der ökologischen Modernität und der wirtschaftlichen Vernunft erheben.

AGRARMARKT

José Bové
wurde 1953 in Talence in Frankreich geboren. Er wuchs in einer Akademikerfamilie auf, entschied sich aber 1970, Landwirt zu werden.

Als Bauernführer
machte er in den 1980er-Jahren auf sich aufmerksam. Weltweit bekannt wurde er 1999 mit der „McDonald's-Affäre“. Bei Bauernprotesten wurde eine Filiale der Fast-Food-Kette zerstört.

Greenpeace, Attac.Bové trat als Greenpeace-Aktivist auf und war 1998 Mitbegründer der Antiglobalisierungsplattform Attac. Seit 2009 ist Bové Abgeordneter des Europäischen Parlaments und gehört der Grünen-Fraktion an.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.03.2012)