"Futur zwei": Wir werden uns gerettet haben

Futur zwei werden gerettet
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Es ist fünf vor zwölf? Die Plattform "Futur zwei" sammelt Geschichten von Menschen, die mit Nachhaltigkeitsprojekten den Zeiger anhalten – und so auch zu sich selbst finden.

Von huner fuessen ein essen“ nennt sich ein Rezept aus dem Wiener Dorotheerkloster. Ein Mönch hat dort, wo heute das Auktionshaus steht, mit Tinte und Feder ein Kochbuch geschrieben, im Spätmittelalter auf Mittelhochdeutsch. Damals wurde eben nicht nur Brust oder Keule herausgebacken, sondern das integrale Hendl kulinarisch gewürdigt. Jeder Rest wurde in der Küche verwertet, zu Knödel und Wurst, zu Pastete und Pudding. Dieter Froelich, Künstler und Koch in Hannover, hat für sein Cateringunternehmen diese alten Traditionen wiederbelebt. Werft die Dinge nicht weg, von denen man euch einredet, sie seien verbraucht oder nutzlos: So lautet die Botschaft, die seine staunenden Gäste mit nach Hause nehmen. Und schmecken soll es ihnen angeblich auch.

Das ist die Art von Geschichten, die Harald Welzer auf der Internetplattform „Futurzwei.org“ erzählt. Es sind Geschichten von Menschen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die seltsame Dinge ausprobieren, mit denen es sich nachhaltiger leben lässt. Keine Heldenepen, sondern kleine Erfolgsstorys, wie man die Welt verändert und sich selbst gleich dazu.

Bürger statt Forscher. Welzer ist eigentlich einSoziologe, derBücher schreibt, zuletzt über drohende „Klimakriege“. Aber irgendwann hat er gemerkt: Das bringt's nicht. „Seit 40 Jahren reden wir über Nachhaltigkeit, in den letzten Jahren ganz extrem übers Klima.“ Immer unter der irrigen Annahme, „dass man Wissen bereitstellen müsse, damit die Leute ihr Verhalten ändern. Das ist eine blödsinnige Vorstellung.“ Die Wissenschaftler malen den Teufel an die Wand, mit einer „Fünf-vor-zwölf-Rhetorik“, die sich abgenutzt hat und „niemanden mehr zum Handeln motiviert“. So steigen die CO2-Emissionen so schnell wie die Kosten für die Klimaforschung.

Draußen aber wimmelt es von Ideen. Nicht etwa in Autokonzernen, die mit Nachhaltigkeit werben und dann SUV verkaufen, die immer mehr Treibstoff verbrauchen. Sondern in der Zivilgesellschaft. Das zeigt die Internetplattform, die von einer Stiftung finanziert wird. Der Name „Futur zwei“ verweist auf jene seltsame grammatikalische Form, die Künftiges von der gelassenen Warte der Vergangenheit aus betrachtet: Wir werden etwas bewegt haben. Welzer, seine Kollegin Dana Giesecke und neun Journalisten spüren nun von Berlin aus „ganz altmodische Vorbilder“ auf. Sie finden junge Designerinnen, die verwertbare Teile alter Kleider zu zeitgemäßer Haute Couture zusammenflicken. Sie entdecken mobile Gemeinschaftsgärten im Großstadtdschungel, wo Nachbarn ihre eigenen Kartoffeln und Tomaten in Mehlsäcken wachsen lassen. Sie berichten von Ökostromrebellen, von nachhaltigen Reiseangeboten und Städten, in denen sich die Bürger auf ein Leben ohne Erdöl vorbereiten.

Verzicht als Gewinn. Auf moralische Appelle wird verzichtet. Vielmehr soll suggeriert werden: Wer nachhaltig handelt, findet auch für sich selbst zu einem besseren Leben. Das stehe im Widerspruch zu unserem Kulturmodell, in dem Lebensqualität mit der Menge steigt: „Ein größeres Auto, mehr Mobilität, die Früchte aus Übersee – mehr von allem.“ Laptops und Billigmode werden immer häufiger gekauft. Die Auswahl kostet Zeit und Energie, der Wagen muss zum Service, der obligate Kurzurlaub erweist sich als der pure Stress. „Wer viel davon weglässt, verliert nicht, sondern gewinnt.“ Um das zu erkennen, braucht es keine Wissenschaft: „Es ist eine Frage der Kultur.“ Anders als die Forschung, die mit Zahlen und Formeln operiert, wird Kultur über das Narrativ vermittelt – über Geschichte und Geschichten.

So rund das Konzept von „Futur zwei“ klingt, die Widersprüche bleiben. Die nachhaltigen Reisebüros bieten Fernreisen in arme Länder an, weil dort viele Menschen vom Tourismus abhängen. Das gilt aber auch für Kleidung, Handys und andere Segnungen der Globalisierung, die uns günstige Waren bescheren und jene, die sie produzieren, aus bitterer Armut befreien.

In ihren Ländern wird Wachstum sein Glücksversprechen noch lange einlösen. Und in unserer saturierten Wohlstandsgesellschaft gilt eine Formel weiterhin: Der technische Fortschritt spart Arbeitsplätze ein, und nur wenn die Wirtschaft stärker wächst als die Produktivität, lässt sich Massenarbeitslosigkeit vermeiden. Keinen Job zu haben, macht uns aber weit unglücklicher als das Joch des Konsums.

Das mag Welzers Truppe anders sehen. Aber auch er will nicht, dass die Lehre aus seiner Geschichtensammlung zur Doktrin erstarrt: „Wir haben nicht die Lösung für die Zukunftsprobleme. Aber wir machen uns auf die Suche nach praktikablen Möglichkeiten.“ Und wer ernsthaft sucht, hat den Weg schon halb gefunden.

Zur Person

1958
wurde Harald Welzer in Hannover geboren.

Beruf
Welzer ist Sozialpsychologe. In seiner theoretischen Arbeit beschäftigt er sich in erster Linie mit Erinnerung, Gruppengewalt und den sozialen Folgen des Klimawandels.

Futur zwei
Harald Welzer ist Mitbegründer und Direktor der gemeinnützigen Stiftung Futur zwei, die alternative Lebenskonzepte beschreibt.

Der Maler

1970
Siggi Hofer wurde in Bruneck (Südtirol) geboren, er lebt und arbeitet heute in Wien.

Ausbildung
u. a. an der Ange-wandten in Wien.

Werk
Hofer, der bis 2005 der Künstlergruppe „Rain“ angehört hat, ist ein Künstler des Multimedialen. Er beschäftigt sich intensiv mit den Themen Urbanität, Kultur, Landschaft und Heimat.

Preise
2009 Otto-Mauer-Preis, 2010 Paul-Flora-Preis. Archiv

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.03.2012)

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