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Herbert Brandl: Im Rausch der Geschwindigkeit

Herbert Brandl Rausch Geschwindigkeit
(c) Herbert Brandl
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Er ist der Extremist unter den Malern der Berge. Der größte Berg, den er je malte, war neun Meter hoch und vier Meter breit. Herbert Brandl über das Entsetzen, die Welt von oben sehen zu müssen.

Er war dem Himmel – Herbert Brandl würde sagen, der „Hölle“ – so nah wie nur wenige. Wenn der Maler der Berge von seinem Nahtoderlebnis vor drei Jahren erzählt, als er in einem Gang des Wiener AKHs kollabierte, als er aufgrund eines akuten Aneurysmas notoperiert wurde und wochenlang auf der Intensivstation lag, da wird einem schier bang. Seine Visionen waren schrecklich. „Die Welt von oben“ sehen zu müssen – das kann eben auch tiefe Zerrüttung und unendliche Einsamkeit bedeuten. Seine Erfahrungen verarbeitete Brandl auch in manchen seiner neuesten Monotypien, einem Druckverfahren, bei dem auf Metall- oder Glasplatten gezeichnet wird, um sie dann, solange die Farbe noch nass ist, direkt auf das Papier zu drücken.

Wir wussten von diesen Arbeiten nichts, als wir Brandl fragten, ob er für diese Jubiläumsausgabe der „Presse am Sonntag“ nicht doch einmal einen Berg von oben malen könnte. Schwierig, meinte er. Ist es Respekt, der Brandl veranlasst, die Berge immer von unten zu malen? Nein. Es gehe – typisch Maler – ihm mehr um die Form, um das Dreieckige, das sich aufbaut. Und von oben gesehen malt man eben immer eher ein Meer als einen Berg. Wo findet man schon einen Berg, der einsam aus der Ebene ragt?

In den 1990er-Jahren, erzählt er, da haben ihn besondere Berge, die Geheimtipps der Bergsteiger, interessiert – wie malt man etwa das Phänomen des fliegenden Bergs? Oder einen „Hidden Peak“? Auf dem realen „Hidden Peak“ ereignete sich gerade die Katastrophe um Gerfried Göschl. Ist Brandl selbst ein Bergsteiger? „Ich gehe schon hinauf, aber ich muss nicht auch noch auf den Mount Everest, um dort Sauerstoffflaschen zu hinterlassen. Ich habe kein sportliches Interesse an den Bergen, aber ich liebe diese Bergsteiger, die das haben, ich liebe ihre Geschichten. Hans Kammerlander etwa, der in sieben Stunden die Nordwand des Matterhorns mehrmals hinauf- und hinunterstieg und dabei immer wieder an denselben Leuten vorbeikam, die es kaum fassen konnten. Das sind Akrobaten, die sich völlig ihrer Leidenschaft verschrieben haben.“

Speed-Malerei. Dieselbe Leidenschaft für Extreme kann man Brandl nachsagen – „Ich male eben Bilder in dem Speed.“ Der größte Berg, den er je malte, war neun Meter hoch und vier Meter breit. Wie lange er dafür brauchte? 15 Minuten. Man kann auch das kaum fassen. Das Bild hängt heute in der Münchner Allianz-Versicherung. „So ein großes Bild in einem Zug durchzumalen, ist ein tolles Erlebnis.“ Da wird gesprungen, da spritzt die Farbe, da wird die Leinwand gedreht – und dennoch ist am Ende ein Gipfel da. Und das ganz ohne Skizze. „Am längsten dauert es, sich auf das Format einzulassen“, erklärt Brandl. Und man muss mit den Dingen umgehen können, die einfach passieren: „Was macht man aus diesen ganzen Spritzern und den Unfällen, die passieren – daraus muss etwa ein Wind oder ein Schneesturm entstehen. Dass das dann wirklich entsteht, das sind die reizvollen Dinge.“

Zen-Malerei. Gemalt wird bei Brandl aus dem Moment heraus. Was mit seinem Interesse für den Zen-Buddhismus Hand in Hand geht: „Ich hab immer schon einen Hang zum Zen gehabt, zur Vereinfachung, zu der bescheidenen Wahrnehmung, zum Tun aus einer momentanen Bewegung heraus.“ In seinem Atelier türmen sich Rollen mit Zen-Malerei, und um die lange Zeit zusammengerollten Papiere „auszuhängen“, hängt er seine „Beute“ neben seine Bilder.

Um sie zu bekommen, hängt er selbst oft stundenlang im Internet und kämpft dort in Online-Auktionen gegen chinesische Sammler, „meine Futterfeinde“. „Ich bin süchtig danach“, gesteht er. Neben chinesischer und japanischer Alltagsmalerei hat Brandl irgendwann aber auch begonnen, japanische Schwerter zu sammeln. „Es ist ein unglaublicher Kult um die Entstehung dieser Schwerter entstanden. Viele Schwertschmiede sind Shintoisten, schmieden in weißen Gewändern und nur zu bestimmten Zeiten. Mich fasziniert, dass diese Schwerter schon lange Zeit mehr Kunst als Tötungsinstrument sind. Obwohl etwa japanische Kurzschwerter in der amerikanischen Armee heute sehr beliebt sind für den Nahkampf.“

Schönheit und Geschwindigkeit. Das interessiert Brandl nicht nur bei der Malerei und beim Bergsteigen. Sondern auch bei Autos. Das ist das zweite Interesse, das ihn mit Tobias Moretti verbindet – ziemlich männlich, ja phallisch konnotiert das Ganze, doch dieser Einwand sei ihm „zu einfach“, meint Brandl. Gut. Welche Liebe ist denn die erfülltere, die zu den Bergen oder die zu den Autos? „Zu den Bergen natürlich, weil ich besitze keinen Führerschein. Und ein schnelles Auto mit Chauffeur – das ist irgendwie blödsinnig. Aber sie sehen einfach toll aus. Gerade habe ich einen unglaublichen Chevrolet Camaro gesehen, in knallgelb, wie ein Playmobilauto, wie aus einer Computeranimation. Ich habe es gar nicht fassen können, dass so etwas auf der Straße herumfährt.“ Vielleicht passiert es also doch bald einmal in Brandls Malerei. Der Sportwagen, der sich vor dem Matterhorn einbremst.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.03.2012)