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Diese Russen (von Eduard Steiner)

Russen sind stilistisch eigenwillig und lassen es gern krachen. Aber sie scheuen die Realität und die Veränderung. Zwei der Gründe, sich in Österreich niederzulassen.

Wenn der Österreicher behauptet, er verstehe den Russen nicht, kokettiert er mit seiner Kulturignoranz. So kompliziert ist der Östlichste aller Slawen auch wieder nicht. Vielleicht stilistisch eigenwillig. Manchmal ein wenig laut. Aber im Großen und Ganzen verständlich gestrickt. Gut, um die Realität zu entschärfen, hat er einfach andere Methoden, macht mit seinem Zwang zum Diminutiv aus grün grünlich und aus jedem verrunzelten Apfel ein Äpfelchen.

Gewiss, er hat keine Sozialpartnerschaft. Aber findig, wie er ist, hat er Behelfe gefunden, um die Debatte abzuwürgen und die vorab ausgedealten Gesetze über eine Pseudoprozedur durchs Parlament zu schleusen. Dass auf diesen informellen Kanälen das Bakschisch fließt, ist part of the game.

Zugegeben – dass auch er ein Problem mit dem Wettbewerb hat, begründet der Russe auf seine Art. Dass allerdings auch er nach Jahren sozialistischer Verhätschelung dringend mehr und nicht weniger Kapitalismus braucht und am Mangel einer liberalen Partei laboriert, will auch er nicht so sehen. Dass auch er sein System von Frühpensionen und niedrigem Pensionsantrittsalter nicht radikal kippt, erklärt auch er mit dem Reichtum des Staates, der den Luxus stets steigender Staatsausgaben ermögliche.


Putin statt Große Koalition. Wenig wundert, dass es manchem Russen allmählich reicht. Wenig wundert, dass auch der dortige Wutbürger zuletzt etwas aufzumucken begann. Gut, das reicht noch nicht für eine Veränderung. Und wie sie aussehen soll, weiß auch der Russe nicht. Ob er sie so richtig wollen soll, wo er doch von den jetzigen schlampigen Verhältnissen profitiert, ist auch ihm nicht klar. Gut, kann man hierzulande sagen, der Russe hat keine Große Koalition, an die er sich zur Fortschreibung des Stillstands klammern kann. Aber er hat Putin, den er wiedergewählt hat, weil es auch in Russland keine Alternative gibt, wie Anna Netrebko gesagt hat.

Am Ende ist es so, dass der Russe von Österreich schwärmt und sich hierzulande gern den einen oder anderen Quadratmeter kauft. Nicht weil er Geld außer Landes schaffen will. Das auch und ohnehin. Aber viel eher, weil er seinesgleichen sucht. Und weil ihm hier alles bekannt vorkommt.

Eduard Steiner ist Russland-Korrespondent der „Presse“ und lebt in Moskau.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.03.2012)