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Schau in dein Taschentuch und erkenne dich selbst

Was macht man als esoterisch veranlagter Mensch, der einen Blick in seine Zukunft werfen möchte, aber keinen Kaffee trinkt?

Was macht man als esoterisch veranlagter Mensch, der einen Blick in seine Zukunft werfen möchte, aber keinen Kaffee trinkt? Schließlich gestaltet sich das Kaffeesatzlesen dadurch einigermaßen schwierig. Natürlich lassen sich einfach die Kaffeetassen von Zeitgenossen zum Orakel umfunktionieren, doch auch dieser Methode sind Grenzen gesetzt – schließlich bleibt in Zeiten von Espresso aus der Kapsel außer einer braunen Lacke kaum etwas übrig, was sich zum Lesen der Zukunft eignen würde. Inmitten dieses peinigenden Vakuums der Befriedigung des urmenschlichen Bedürfnisses nach spiritueller Erfüllung bleibt dann nicht viel mehr als die Suche nach alternativen Orakeln. Und was liegt da näher, als den eigenen Körper zum Einsatz zu bringen.

Die Hüter des Orakels lassen sich bei ihren Weissagungen sogar sehr leicht in freier Wildbahn beobachten: Ehrfürchtig stehen sie da, die beiden Hände flach nach oben gelegt. Darin gebettet, wie eine heilige Schrift, liegt ein Taschentuch. Und mit staunend geweiteten Augen betrachten sie die Botschaft aus Nasensekret, die sie zuvor wie einen grün-gelblichen Rorschach-Test aus ihrem Innersten hochgezogen haben. Eine, zwei, manchmal drei Sekunden verharren sie da, die Hohepriester des heiligen Rotzes, und scheinen dabei auch noch die eine oder andere Beschwörungsformel zu murmeln, ehe sie das papierene Trägermedium der Prophezeiung feierlich zusammenfalten und in einer Jackentasche verstauen.

Selbstverständlich sollte man eine derartige Zeremonie nicht durch Worte oder Gesten der Empörung stören. Nicht einmal dann, wenn sie am Nebensitz in der U-Bahn abgehalten wird. Vielmehr sollte man dankbar sein, dass die Hohepriester ihre Zukunft in der Öffentlichkeit nur aus Nasensekret lesen. Und nicht auf die Idee kommen, anderen zukunftstriefenden Lesestoff aus dem stillen Kämmerchen zu holen.

 

E-Mails an: erich.kocina@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2012)