Ex-IAEA-Chef ElBaradei: "Wer Iran angreift, ist verrückt"

ElBaradei
ElBaradei(c) EPA (Pascal Le Segretain / Pool)

Ein Angriff würde die gesamte Region zerfetzen. Sicherheit für Israel sei nur möglich, wenn das Land in der Region anerkannt werde. Der gesamte nahe Osten müsse eine atomwaffenfreie Zone werden.

Der langjährige Generaldirektor der in Wien ansässigen Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA), Mohammed ElBaradei, hat Israel eindringlich vor einem Krieg gegen den Iran gewarnt. "Jeder, der den Iran angreift, ist völlig verrückt", sagte der Friedensnobelpreisträger. "Das würde die gesamte Region zerfetzen." Israel hat mehrfach mit Luftangriffen gegen iranische Nuklearanlagen gedroht, um das Land vom möglichen Bau einer Atombombe abzuhalten. ElBaradei äußerte sich aber auch skeptisch zu den geplanten internationalen Gesprächen über das iranische Atomprogramm. Wichtig sei, bis zur US-Präsidentschaftswahl im November die aktuelle Krise unter Kontrolle zu behalten.

Der 69-jährige Ägypter warnte davor, dass Israel mit einem Angriff auf den Iran genau das Gegenteil seiner Absichten erreichen würde. "Der Iran wäre dann auf dem schnellsten Weg, eigene Atomwaffen zu entwickeln - und das mit der Unterstützung jedes einzelnen Iraners, fast des gesamten Nahen Ostens und einer Menge anderer Leute in der Welt." Israel müsse verstehen, dass es Sicherheit nur dann bekommen könne, wenn es im Nahen Osten akzeptiert werde.

Atomwaffenfreie Zone im Nahen Osten

ElBaradei verwies darauf, dass die inoffizielle Nuklearmacht Israel selbst "mindestens 200 Atombomben" besitze. "Israel will die perfekte Sicherheit. Aber die perfekte Sicherheit für ein bestimmtes Land ist die perfekte Unsicherheit für jedes andere Land." Erneut plädierte er deshalb für eine atomwaffenfreie Zone im gesamten Nahen Osten. Eine Lösung könne nur am Verhandlungstisch gefunden werden.

Von der iranischen Führung verlangte er "eisenharte Garantien", dass keine Atombomben gebaut würden. ElBaradei äußerte aber Zweifel, dass die geplanten, neuen Gespräche über das iranische Nuklearprogramm baldige Fortschritte bringen. Im April wollen erstmals wieder die fünf Veto-Mächte des UNO-Sicherheitsrats (USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich) und Deutschland zusammen auf Vertreter des Iran treffen.

Sommer der Spannungen werde kommen

Der frühere IAEA-Chef sagte einen "Sommer der Spannungen" bis zur US-Präsidentschaftswahl im November voraus. Erst nach der Wahl erwartet er "ernsthafte Gespräche". "Die Angelegenheit kann nur erledigt werden, wenn Amerikaner und Iraner am Verhandlungstisch einen Weg finden, wie sie miteinander auskommen. Bis dahin müssen wir diese Krise managen, ohne dass es einen verrückten Akt gibt."

Dabei kommt es aus Sicht des Nobelpreisträgers auch auf Deutschland an. Als einziger Verhandlungspartner ohne eigene Atomwaffen habe die Bundesrepublik gegenüber dem Iran eine besondere "moralische Autorität". Zudem könne Deutschland seine Beziehungen zu Israel nutzen. ElBaradei hatte den Nobelpreis 2005 für seine Arbeit an der Spitze der IAEA bekommen. Er führte die Organisation von 1997 bis 2009.

--> Pro: Irans Mullahs lassen sich nur durch härtere Gangart stoppen

--> Contra: Nur Diplomatie verhindert eine iranische Atombombe