Zwei hochpopuläre Pubs in Europas Kapitale haben über Nacht zugesperrt. Wenn das kein Zufall ist!
Hast du das gehört?“, raunte der Kellner im „Michael Collins“, einer der unzähligen irischen Bierhallen in Brüssel, „Jamie ist in den Untergrund gegangen!“ Besagter Jamie ist der Wirt eines anderen, vor allem bei Fußballfreunden sehr beliebten Brüsseler Pubs namens „The Old Inn“. Genauer gesagt: Er war es. Denn über Nacht ist Jamie verschwunden. Die Belegschaft des „Old Inn“ fand die Tore ihrer Gaststätte versperrt vor, und so müssen wir uns einen neuen Ort suchen, an dem wir die Play-off-Spiele der Champions League verfolgen und dabei Burger verzehren, Burger übrigens, die so groß waren, dass wir stets auf Verlängerung mit Elferschießen hofften, um sie noch vor Spielende verputzen zu können.
Wo genau der Wirt Jamie sich jetzt im Untergrund versteckt hält, ob in den Dubliner Docks oder eher in einem Apartment an der Costa Blanca, wissen wir nicht. Seine Flucht ist jedenfalls, so munkelt man in der Brüsseler Sportgastronomenszene, eher fiskalisch als politisch motiviert. Dabei ist die königlich-belgische Finanz kulant: Ein anderer lokaler Gastronom, dessen Etablissement vor allem von Kommissionsbeamten nach Dienstschluss besucht wird und dessen Namen wir gerne zu „Shitty O'Kiss“ verballhornen, soll sich von einer Steuerschuld in Millionenhöhe durch einen Vergleich befreit haben.
Und dennoch: Das Brüsseler Pubsterben schreitet voran. Entgeistert fanden wir neulich das „Wild Geese“ leer, verschlossen und seines Mobiliars beraubt vor. „Steuerschulden“, munkelte ein Bekannter, der dort regelmäßig zu speisen pflegte. „Unser Steuersystem ist viel zu kompliziert“, sagte am Dienstag Belgiens Finanzminister Steven Vanackere. Jamie würde dem wohl zustimmen – wo auch immer er jetzt sein mag.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2012)