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Bulgarien verzichtet auf AKW-Bau in Belene

Die Baustelle für das Akw im September 2008.
(c) EPA (Vassil Donev)
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Der in Russland für Belene hergestellte 1000-Megawatt-Reaktor soll nun in dem existierenden Kernkraftwerk Kosloduj installiert werden.

"Die bulgarische Regierung gibt das zweite Atomkraftwerk bei Belene auf", sagt der stellvertretende Finanzminister Wladislaw Goranow nach einer Regierungssitzung am Mittwoch in Sofia. Am Donnerstag reist der neue bulgarische Wirtschafts- und Energieminister Deljan Dobrew nach Moskau, um seine russischen Partner von der Entscheidung in Sofia persönlich zu informieren.

Wie der private Radiosender Darik ergänzte, soll am gleichen Standort ein Gas-Kraftwerk gebaut werden. Einer der beiden Belene-Reaktoren werde als siebenter Meiler im bereits bestehenden AKW Kosloduj eingebaut. Der russische AKW-Bauer Atomstroyexport, Vertragspartner Bulgariens im Belene-Projekt, ließ vergangene Woche verlauten, dass der erste der beiden je 1000-Megawatt-Meiler für Belene lieferbereit sei. Dafür soll Bulgarien noch zusätzlich rund 100 Mio. Euro an Russland zahlen, sagte Vizefinanzminister Goranow und ergänzte, Bulgarien habe das Geld allerdings nicht.

Angst vor Abhängigkeit von Russland

Ein siebenter Meiler im bestehenden AKW Kosloduj werde den Strompreis in Bulgarien halbieren, kommentierte der Vorsitzende der konservativen "Union der demokratischen Kräfte", Martin Dimitrow. Er schloss jedoch nicht aus, dass Bulgarien den lieferbaren russischen Reaktor verkaufen könnte. Dimitrows Partei ist einer der eifrigsten Gegner des umstrittenen Projektes Belene, da ein zweites russisches Atomkraftwerk die "völlige Abhängigkeit" der bulgarischen Energiewirtschaft von Moskau bedeute.

Diese Ansicht teilt auch der frühere konservative Ministerpräsident Iwan Kostow, Vorsitzender der im Parlament vertretenen "Demokraten für starkes Bulgarien" (DSB). Er nannte den Verzicht auf das Belene-Projekt als Bedingung für eine Regierungskoalition mit der Partei GERB von Premier Bojko Borissow nach den Parlamentswahlen 2013.

Die oppositionellen Sozialisten sind von der Entscheidung der bürgerlichen Regierung in Sofia enttäuscht. Der heutige Abgeordnete und frühere Energieminister Rumen Owtscharow hatte selbst das Projekt nach jahrelanger Vergessenheit Ende 2006 wieder aufgenommen und den Bauvertrag mit Russland unterzeichnet. "Der Verzicht auf das Atomkraftwerk in Belene bedeutet die Liquidation der Atomenergie in Bulgarien", kommentierte Owtscharow im Staatsradio.

Offensichtlich diene Bulgarien fremden Interessen, so dass sich die Atomenergie in anderen Ländern entwickelt. Ein siebenter russischer Reaktor in Kosloduj bedeute laut dem Sozialisten Owtscharow keinesfalls weniger Energieabhängigkeit von Russland.

Für Umweltschützer nur "Teilerfolg"

Kritisch sehen auch Umweltschützer den Verzicht Bulgariens auf die AKW-Pläne in Belene. Für die Umweltschutzorganisation Global 2000 ist dies nur ein "Teilerfolg". Der Standort Belene sei zwar vom Tisch, das Projekt aber "nicht tot", sagte Reinhard Uhrig von Global 2000 am Mittwoch gegenüber der APA. Es bestehe die Gefahr, dass die bulgarische Regierung den Druckbehälter einfach "in Kosloduj hinschraubt". Bulgarien habe außerdem einen Vertrag für einen 2. Druckbehälter abgeschlossen, aus dem es nicht so leicht rauskomme.

"Greenpeace" begrüßt die Entscheidung. "Das Ende des AKW Belene ist ein großer Erfolg für Greenpeace und die gesamte Umweltbewegung in Bulgarien. Gleichzeitig macht Belene eines erneut deutlich: Hinter den großen Ankündigungen der Atomindustrie von niedrigen Baukosten und kurzen Bauzeiten steckt nichts als heiße Luft. 25 Jahre nach dem Baubeginn musste das Projekt nun beendet werden", so Niklas Schinerl, Atomsprecher von Greenpeace. "Die für Belene geplanten Druckbehälter und anderen Reaktorteile dürfen jetzt auf keinen Fall für den Ausbau des Kraftwerks Kosloduj verwendet werden."

Umweltschützer hatten sich seit Jahren gegen Belene ausgesprochen, da der Standort an der Donau nordöstlich von Sofia in einem Erdbeben-Gebiet liegt. Kritiker bemängeln auch, dass das Projekt "keinen wirtschaftlichen Sinn" für Bulgarien habe. Der Endpreis war inzwischen auf 6,3 Milliarden Euro gestiegen. Der deutsche Energiekonzern RWE hatte sich schon Ende 2009 wegen der unklaren Finanzierung zurückgezogen. Seitdem hatte Sofia vergeblich nach einem neuen westeuropäischen oder nordamerikanischen Investor gesucht. Es wurde keiner gefunden.

In Kosloduj, weiter westlich von Belene, sind derzeit zwei 1000-Megawatt-Blöcke sowjetischer Bauart in Betrieb. Vier kleinere und ältere Meiler mussten dort als Vorbedingung für den EU-Beitritt Bulgariens 2007 abgeschaltet werden. Erst im November stellte die EU bis 2020 185 Mio. Euro für die Stilllegung der letzten zwei Reaktoren in Kosloduj in Aussicht.

(APA)