Traumatisierungen aufgrund von Schlägen, Tritten oder Vergewaltigungen werden in der Familie über Generationen weitergegeben. Ein Teufelskreis. Seelische Wunden bleiben im schlimmsten Fall ein Leben lang erhalten.
Wien. Erwachsenen ist klar, dass beispielsweise Schläge, Tritte oder Vergewaltigungen etwas Schlechtes sind. Ein Kind erlebt das Geschehen und kann es nicht einordnen – und kaum bis gar nicht darüber reden. „Sie haben noch kein Wertegerüst wie ein Erwachsener“, sagt die Psychologin Ulrike Paul im Rahmen einer Fachtagung zum Thema Suchtprävention bei Jugendlichen am Donnerstag in Wien. Das Trauma festigt sich, im schlimmsten Fall bleibt es ein Leben lang erhalten. Trauma bedeutet so viel wie Wunde, der Mensch bleibt in diesem Fall also lebenslang seelisch verwundet.
Traumatisierungen setzen sich innerhalb der Familie über Generationen hinweg fort. Menschen, die an den Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leiden, sind von ihrem psychischen Innenleben dermaßen beansprucht, dass sie ihren Kindern nicht die nötige Aufmerksamkeit entgegenbringen können. PTBS ist gekennzeichnet durch einen erhöhten Erregungszustand, der einhergeht mit Nervosität, Ängstlichkeit, innerem Aufruhr, Reizbarkeit und Konzentrationsschwierigkeiten.
„Ein weiteres Charakteristikum dieses Störungsbildes ist das nicht kontrollierbare Wiedererleben des traumatischen Ereignisses oder einzelner Elemente davon, etwa in Form von Träumen und Flashbackerlebnissen“, so die Psychotherapeutin, die seit Jahren Betroffene von (sexuellem) Missbrauch betreut – auch für die Klasnic-Kommission für Opfer von Gewalt in der Kirche. Aus Angst, an das traumatische Ereignis erinnert und retraumatisiert zu werden, werden Reize, die mit dem Trauma assoziiert sind, vermieden.
„Aufgrund ihres unsicheren Bindungsstils fällt es ihnen schwer, auf die Bedürfnisse ihrer Kinder mit Empathie zu reagieren und ihnen Konstanz und Sicherheit zu vermitteln“, erklärt Paul. „Infolge ihrer eigenen Bedürftigkeit neigen sie oft dazu, ihre Kinder zu überfordern und ihnen die Rolle eines Erwachsenen zuzuweisen.“
Kinder als Ersatz für Freunde
Menschen, die als Kinder Opfer von sexuellem Missbrauch wurden, wollen oftmals so schnell wie möglich eine Familie gründen und Kinder bekommen, auf die sie all ihre Hoffnungen, Wünsche und Sehnsüchte setzen. Paul bezeichnet dieses Phänomen als „überdeterminierten Kinderwunsch“. Die Kinder werden als Möglichkeit gesehen, sich von der eigenen Familie abzunabeln, und dienten als Ersatzpartner, -freunde oder -eltern. „Intergenerationale Traumatisierung spielt sich auf äußerst subtiler Ebene ab. Der Vater, der als Kind geschlagen wurde, und später seine eigenen Kinder schlägt, ist nur die Spitze des Eisbergs.“
Nicht selten leiden diese Eltern an einer Suchterkrankung, um schmerzliche Gefühle zu dämpfen und Erinnerungen zu vertreiben – was einen verantwortungsvollen Umgang mit den Kindern erschwert und manchmal sogar unmöglich macht. So werde etwa die moralische Hemmschwelle, das eigene Kind bzw. Stiefkind sexuell zu missbrauchen, unter kontinuierlicher Drogeneinwirkung gesenkt. „Der eben noch liebevolle Elternteil erweist sich im Handumdrehen als unzugänglich, abweisend oder gar gewaltbereit.“
Studien haben ergeben, dass 35 bis 40 Prozent der Kinder alkoholabhängiger Eltern selbst eine Suchterkrankung entwickeln. Schwere Traumatisierung wird laut Paul sogar in den allermeisten Fällen auf die eigenen Kinder weitergegeben. Opfer werden zu Tätern, der Kreislauf setzt ein – auch deswegen, weil Opfer und Täter einander „anziehen“ würden.
„Es gibt so etwas wie ein Opferprofil, das von Tätern bewusst oder unbewusst erkannt und ausgenutzt wird“, sagt Paul. Pädosexuelle Männer würden beispielsweise ziemlich genau erkennen, welche Kinder möglicherweise in ihren eigenen Familien Gewalt erfahren, und diese gezielt als Opfer aussuchen. Es sei auch kein Zufall, dass sich sexuell missbrauchte Kinder als Erwachsene Partner mit einem ähnlichen Schicksal suchen, um Ereignisse aus ihrer Vergangenheit zu reinszenieren – ein typisches Merkmal für Missbrauchsopfer.
„Schwer Traumatisierte sind fürs Leben gekennzeichnet“, resümiert Paul. Ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen, sei ihnen in fast allen Fällen verwehrt. Übrig bleibe pure Hilflosigkeit, die als Lebensbürde an die eigenen Kinder weitergegeben wird. „Kinder, die nahezu ohne Möglichkeit auf ein freies, kontrolliertes Leben geboren werden.“