Alternatives Wohnen: Ein Ökodorf für die Seestadt Aspern

Symbolbild
(c) AP (Michael Probst)

Auf dem Gelände der zukünftigen Seestadt läuft gerade ein kleines Experiment: In Aspern wird seit Herbst ein Dorf nur aus recyceltem und ökologischem Material gebaut, betrieben durch erneuerbare Energien.

Wien. Auf den ersten Blick ist noch nicht viel zu sehen. Und wenn, dann sieht es eher seltsam aus: Ein großes Holzhaus in Form eines umgedrehten U steht inmitten des Feldes. Daneben liegt viel Gerümpel: Strohballen, alte Glasfenster, Eisenstäbe. Außerdem steht dort eine große Halle aus Stahl. Sie soll später als Werkstatt dienen.

Auf dem Gelände der zukünftigen Seestadt Aspern läuft gerade ein kleines Experiment: Ein Ökodorf soll hier entstehen. Gebaut wird es aus ökologischen und recycelten Werkstoffen, betrieben durch erneuerbare Energien.

„Die Idee hatte ich schon lange, aber seit September arbeiten wir daran“, sagt David Marek, Psychologe und Coach von Beruf. Gemeinsam mit dem Wassertechniker Gerhard Scherbaum und einem weiteren Kollegen hat er deswegen 2011 den Verein United Creations gegründet, der sich für eine nachhaltige und ganzheitliche Lebensweise einsetzt.

Seit Herbst ist nun ein Kernteam von rund 30 Personen (und angeblich über hundert Helfern) mehrere Stunden täglich in Aspern am Werken. Das Kettenlinienhaus haben sie so schon gebaut, eine Jurte, einen Holzcontainer, der zur Küche werden soll, außerdem einen ökologischen Durchlauferhitzer („Biomeiler“). Dafür wurde ein Schlauch in einem etwa zwei Meter hohen Hügel aus Häckselgut kreisförmig verlegt. Beim Verrotten des Häckselguts entsteht Hitze im Hügel, dadurch wird das Wasser erwärmt. Auch für die menschliche Notdurft hat die Gruppe vorgesorgt: Im hinteren Eck des mehr als 4000 Quadratmeter großen Feldes – das die Gruppe von der Stadt Wien bis 2014 zur Zwischennutzung gemietet hat – befindet sich eine Trockentrenntoilette. Darin wird Flüssiges von Festem getrennt – und anschließend zum Düngen des dorfeigenen Gartens verwendet.

„Ziel des Projekts ist es, so ökologisch wie möglich zu arbeiten“, sagt der 37-Jährige, der eher wie ein junger Geschäftsmann aussieht, als einer, der sich mit alternativen Lebensformen beschäftigt. Wobei ökologisch für Marek ein dehnbarer Begriff ist. Für den Bau darf alles, was schon da ist, verwendet werden. Also alte Glasfenster, Holzreste, Metallplatten oder Plastik. „Es ist besser, wir verwenden Dinge, bevor wir sie wegwerfen“, sagt er. Das Ökodorf sei daher auch ein Statement gegen die „Wegwerfgesellschaft“. Gerade einmal 4000 Euro haben er und seine Freunde seit September daher in das Ökodorf investiert. Das gesamte Baumaterial haben sie als Ausschussware von Firmen geschenkt bekommen.

Aussteiger, Architekten, Lehrer

Das Wissen um eine ökologische Bauweise hat die Gruppe – unter denen sich auch Architekten und Techniker befinden – großteils im selbst organisierten „Green Skills Lehrgang“ gelernt: Sieben Wochen lang haben sie sich dafür täglich mit Lehm- und Strohballenbau sowie erneuerbaren Energien und Permakultur befasst. Projektpartner sind laut Broschüre das Österreichische Institut für Baubiologie, die TU und die Boku. Die Ökodorf-Gruppe selbst ist bunt gemischt: Neben Architekten und Ingenieuren finden sich Volkswirtschaftler, Krankenschwestern, Lehrer, aber auch Aussteiger unter ihnen. Einige der Mitglieder sind arbeitslos.

Vielleicht ist auch deswegen die Motivation so groß: Der Platz für ein neues Bauwerk – eine Domkuppel für „spirituelle Zwecke“ – ist bereits am Boden abgesteckt. Ebenso ein Kreis, wo kleine Wohncontainer aus Holz stehen werden. Denn ab Sommer wollen Marek und seine Kollegen zu experimentellen Zwecken dort wohnen.

Nicht ohne das Dorfleben ausführlich „für wissenschaftliche Zwecke“ zu dokumentieren, versteht sich. Denn Mareks Visionen gehen weit über Aspern hinaus: In Zukunft soll ein echtes Ökodorf auf irgendeinem Platz in Österreich entstehen. Das dann dauerhaft bewohnt wird. Er befinde sich bereits in intensiven Gesprächen mit Grundbesitzern. Geschätzte 200 Menschen würde eine solche Community tragen.

Gelebt wird dann von dem, was die Natur hergibt. Salat, Tomaten, Erdäpfeln. Der Rest der Lebensmittel soll gesammelt werden. „In der Stadt wird so viel weggeworfen. Davon können viele Menschen ernährt werden“, sagt Marek. Ein entsprechender Garten zur Selbstversorgung ist auch in Aspern schon angelegt.

Auch Fast Food ist erlaubt

Und was ist, wenn jemand Lust auf Pizza hat? „Wir sind keine ökologischen Hardliner, die Prinzipien durchsetzen wollen. Es gibt auch welche, die Fast Food essen“, sagt Marek. Es klingt beleidigt. Es gehe hier ja um eine Grundhaltung, nicht um Klischees. Dafür seien die Betreiber zu pragmatisch veranlagt, sagt er. Und pragmatisch müssen sie wohl auch sein. Denn noch ist das Dorf nicht fertig gebaut, noch sind die Lebensmittel nicht gesammelt. Und auf dem Gemüsebeet in Aspern sind nur kleine Salatpflänzchen zu sehen.

Veranstaltungen

Kultur in Aspern. Seit Donnerstagabend steht das Kulturprogramm fest, mit dem die Seestadt-Baustelle in diesem Jahr zwischenbespielt wird. So finden heuer wieder Urban-Gardening-Projekte („Seestadtgarten“), Tanzveranstaltungen (Parcours III), Lesungen sowie Architekturprojekte statt. Erstmals gibt es heuer vom 3. bis 8. Juli auch das „SummerFlame“-Festival mit Feuerkünstlern und Akrobaten.
Weitere Informationen: publik.aspern-seestadt.at