Åland: Inselhüpfen in der Baltischen See

(c) Annica Jansson/Visit Åland
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Auf den 6500 Inseln zwischen Schweden und Finnland hat man die Qual der Wahl, wo man seine Zelte aufschlägt. Am besten, man probiert man es auf mehreren.

Es liegt etwa seltsam Unbestimmtes über dieser Gegend. Nie verliert der Blick sich gänzlich in der Weite des Meeres. Stets findet er Halt an den von Wind und Wetter glatt geschliffenen, kupferroten Felsplateaus, die aus dem Wasser ragen, viele kaum größer als ein Fußballfeld. Ist man schon auf hoher See? Man ist irgendwo in der Ostsee zwischen Schweden und Finnland, wo sich die beiden Länder am nächsten kommen und die Schären und Inseln so dicht gesät sind, dass ein Riese fast trockenen Fußes von einem Land zum anderen springen könnte.

Doch das Idyll trügt: Während man im Heck geschützt vor dem Fahrtwind die Sonne genießt und Blick und Gedanken schweifen lässt, ahnt man nicht, dass man über einen riesigen Schiffsfriedhof dahingleitet. Nichts deutet darauf hin, dass es sich um eine früher viel befahrene Handelsroute zwischen Stockholm, Helsinki, der estnischen Hauptstadt Tallinn und St. Petersburg handelt, die vielen Schiffen zum Verhängnis wurde.

Gut tausend bekannte Wracks liegen hier auf dem Meeresgrund – die meisten rund um Åland, einer Inselgruppe am Eingang des Bottnischen Meerbusens, die von rund 27.000 Menschen bewohnt wird. Eine Ahnung, wie lebensgefährlich die Seefahrt einst war, liefert der Museumssegler Pommern. Das 1903 gebaute und bis 1939 für Weizentransporte genutzte Segelschiff ist im Originalzustand erhalten und ankert im Hafen von Mariehamn, einem idyllischen Hafen auf der Hauptinsel von Åland, das mit 11.000 Einwohnern fast die Hälfte aller Ålander stellt. Historische Filmaufnahmen dokumentieren, welchen Naturgewalten die Besatzung bei rauer See ausgesetzt war, wie kleinste Unachtsamkeiten Untergang und Tod besiegeln konnten. Die spartanischen, streng hierarchisch gegliederten Schlafkojen der 27-köpfigen Mannschaft oder die primitive Kombüse vermitteln ein lebhaftes Bild von der Härte des Lebens auf See. Auch die Kajüte des Kapitäns: Als Einziger an Bord durfte er den Luxus eines eigenen Betts und eines winzigen Badezimmers in Anspruch nehmen.

200 Jahre alter Champagner

Weiter draußen, auf einem winzigen Felseneiland, befindet sich ein weiteres Relikt aus jener Zeit: die ehemalige Lotsenstation Kobba Klintar. Der 1862 errichtete Leuchtturm, in dem ein Museum eingerichtet wurde, ist bei Touristen wie bei Einheimischen beliebt. Mit etwas Glück trifft man dort Christian Ekström. Der Schwede, der im Sommer mit seiner Familie ein Nebengebäude bewohnt, sorgte 2010 für Aufsehen, als er in einem Wrack in 50 Meter Tiefe eine Ladung Champagner entdeckte.

„Die Flaschen werden auf 200 Jahre geschätzt. Damit würde es sich um den ältesten Champagner der Welt handeln“, sagt der passionierte Taucher. Und wer waren die Adressaten? „Eine Verkostung ergab, dass der Champagner sehr süß ist. Man weiß, dass russische Adelige Süßweine sehr schätzten, das Schiff könnte nach St. Petersburg unterwegs gewesen sein.“ Einige Flaschen sind im Kunstmuseum in Mariehamn ausgestellt.

Neueren Datums sind jene Flaschen, die der 35-jährige Blondschopf im Landesinneren verkauft. Ekström ist nicht nur passionierter Wracktaucher, sondern auch Miteigentümer von Stallhagen, einer kleinen Brauerei mit angeschlossenem Pub. Solche Brauhäuser sind typisch für eine neue Generation von Unternehmen, die sich verstärkt auf naturnahe, unverfälschte Produkte spezialisiert hat. Ehemals klassische landwirtschaftliche Betriebe – Milchwirtschaft, Viehzucht – versuchen sich nunmehr in der Käse- und Eisproduktion, der Krebs- und Straußenzucht oder im Schnapsbrennen. Kunden sind die vielen kleinen Bars und Restaurants, die aus dem Boden sprießen, seit sich die Region mit ihren über 6500 Inseln grenzübergreifend als „Skandinavian Islands“ touristisch vermarktet.

Einer der Pioniere auf diesem Gebiet war Peter Eriksson, der die Lockerung des staatlichen Alkoholmonopols nach dem EU-Beitritt Finnlands in den 90er-Jahren dazu nutzte, den klassischen Obstbaubetrieb durch eine Apfelwein- und Obstbrennerei zu ergänzen.

Eriksson machte aus seiner Scheune ein rustikales Restaurant, in dem man sich heute durch die verschiedensten Obstbrände – vom ålandischen Apfelweinbrand Ålvados über verschiedene Kirschweinbrände bis zu ålandischem Rum (Kobba Libre) oder Whiskey durchkosten kann. Mit jährlich 20.000 Besuchern von Mai bis September hat sich Tjudö Vingard zu einem regelrechten Publikumsmagneten auf den Åland-Inseln entwickelt. Nicht nur wegen der anregenden Produktverkostungen, sondern auch der spannenden Geschichten, die Ingmar Eriksson, der Bruder des 2005 verunglückten Schnapspioniers, bei seinen Hofführungen rund um die Apfelprodukte erzählen kann.

Fähren im Stundentakt

Das eigentliche Geschäft macht Eriksson allerdings nicht mit diesen Besuchermassen, sondern mit Großkunden wie Viking Line oder Eckerö Linjen, deren Fähren fast schon im Stundentakt zwischen dem finnischen Festland und Schweden hin- und herpendeln. Bei den Passagieren sind sie äußerst beliebt, weil jede einzelne von ihnen zumindest einen kurzen Zwischenstopp auf Åland einlegt. So erhalten die Waren an Bord den Status der Zollfreiheit – was vor allem die Fans von Hochprozentigem freut. Ermöglicht wird dies durch den Sonderwirtschaftsstatus Ålands, den sich die wehrhaften Insulaner von der EU erkämpft haben.

Auch von Finnland, zu dem Åland seit 1922 rein politisch gehört, lassen sich die Ålander als autonome Provinz mit eigenem Autokennzeichen, eigenem Länderkürzel für Web-Adressen („.ax“) und mit Schwedisch als offizieller Landessprache nicht allzu viel dreinreden. Was bei Besuchern durchaus dazu führt, den auf hoher See gewonnenen Eindruck des Unbestimmten zu verfestigen...

Durch den Schärengarten nach Turku

Anreise
Siehe Flüge der Woche Seite R4. Von Stockholm fahren die Fähren von Viking Line und Tallink Silja über Åland nach Turku oder Helsinki. Zudem gibt es Verbindungen von Kapellskär oder Grisslehamn (nördlich von Stockholm) nach Åland.
Fähren: Buchungen via Ruefa Bahn und Fährenzentrum www.faehren.at, direkt bei Vikingline www.vikingline.de oder Eckerölinjen hwww.eckerolinjen.se möglich. Von den Åland-Inseln fährt man am besten mit den Schärenfähren weiter in den südwestfinnischen Schärengarten nach Galtby. Von hier ist es nur ein Katzensprung bis Turku, neben dem estnischen Tallinn eine der Kulturhauptstädte 2011. Die kleinen Fähren sind für Radler und Fußgänger gratis.

Unterkünfte/Restaurants
www.visitaland.com/bomansstugor/de
www.visitaland.com/tjudovingard/de
www.havsvidden.com

Informationen:
www.scandinavianislands.com
www.visitaland.com
www.visitskargarden.se/en

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2012)


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