Enron. Die zweitgrößte Pleite der US-Geschichte wird vor Gericht aufgearbeitet.
Houston/Washington. Jeden Tag geht Clive Anderson zum Gerichtsgebäude in Houston und lauscht der Verhandlung gegen seine ehemaligen Chefs. Sie macht er dafür verantwortlich, dass er seine gesamten Ersparnisse verloren hat, weil sie Enron in die Pleite führten. Jetzt bleibt dem 52-Jährigen nur eine Genugtuung: "Ich will ihre Gesichter sehen, wenn sie für 20 Jahre hinter Gitter gehen", sagte er dem Fernsehsender NBC.
Dieser Moment muss Anderson zehntausende Dollar wert sein. Im Jahr 2000 hatte er noch genug Geld, um mit 60 in Pension zu gehen und den Rest seines Lebens komfortabel im warmen Florida zu verbringen. 90 Dollar war die Enron-Aktie damals wert. Ein Jahr später - nach der zweitgrößten Firmenpleite der US-Geschichte (nur der WorldCom-Bankrott war größer) - bekam er nicht einmal einen Dollar pro Aktie. Jetzt lebt Clive Anderson von der Sozialhilfe, doch die Angeklagten tragen noch immer teure Maßanzüge. "Ich will ihre Gesichter sehen . . ."
Für tausende Menschen werden die möglichen Haftstrafen für Ken Lay und Jeffrey Skilling die einzige Wiedergutmachung sein, die sie für ihre verlorenen Lebensersparnisse und Pensionen bekommen. Die einstigen Konzernchefs sollen aus Geldgier, wie ihnen die Staatsanwaltschaft vorwirft, Investoren, Aktionäre und Banken getäuscht und Enron in einen gigantischen Bankrott geführt haben. 4000 Arbeiter verloren nach der Pleite ihren Job, zehntausende Menschen an der Wall Street ihr Vermögen.
Der Prozess in Houston arbeitet einen einmaligen Skandal auf, der nicht nur das Ende der einst siebtgrößten Firma der USA bedeutete, sondern eine Serie von Bilanzfälschungen bei amerikanischen Firmen ans Tageslicht brachte. Enron ist direkt dafür verantwortlich, dass mittlerweile in den Vereinigten Staaten auf Bilanzbetrügereien ähnlich harte Haftstrafen stehen wie auf Vergewaltigung.
Enron, 1985 gegründet, machte als Energiehändler binnen weniger Jahre ein Vermögen. Um 200 Mill. Dollar baute man eine 40-stöckige Konzernzentrale in Houston, 100 Mill. Dollar sicherten Enrons Schriftzug im Baseball-Stadion. Im Wahlkampf 2000 war der Konzern einer der größten Geldgeber von George Bush. Zur Glanzzeit hatte der Stromhändler einen Wert von 70 Mrd. Dollar.
So gut der Konzern nach außen dastand, so sehr krachte es intern. Schulden und schlechte Geschäfte machten dem Unternehmen zu schaffen. Um nicht das Vertrauen der Aktionäre zu verlieren, versteckte man Verluste in dubiosen Scheinfirmen. "Ich dachte, ich wäre ein Held für Enron", erklärte Ex-Finanzchef Andrew Fastow, der die Bücher frisiert hatte.
Fastow hat Millionen Dollar an den Geschäften verdient, das aber vor seiner Familie verheimlicht. Seine Frau musste wegen Steuerbetrugs ins Gefängnis, weil sie unwissentlich eine falsche Steuererklärung ausgefüllt hatte. Der 41-Jährige ist Kronzeuge der Anklage, wofür er im Gegenzug mit zehn Jahren Haft davonkommt.
"Bring mir mehr von dem Saft", soll Skilling gefordert haben, als es wieder galt, Auslandsbeteiligungen überzubewerten. Lay habe seit Sommer 2001 von den Machenschaften gewusst, Investoren aber belogen, sagte Fastow aus. Die Verteidiger der Manager konterten: Es habe sich um legale Geschäfte gehandelt, alles was illegal abgelaufen sei, habe Fastow ohne Wissen der Firmenspitze getan.
Die Bilanzfälschungen gingen bis 2001 gut, dann musste Enron einen Quartalsverlust von 640 Mill. Dollar eingestehen. Als das Kartenhaus Ende 2001 in sich zusammenfiel, blieb ein Schuldenberg in Milliardenhöhe, und die USA hatten ihre bis dahin größte Firmenpleite. Das Management cashte noch einmal ab und verkaufte vor dem Zusammenbruch Aktien im Wert von mehr als einer Milliarde Dollar. Allein Lay und Skilling verdienten zwischen 1998 und 2001 300 Mill. Dollar.
Als der Pipeline-Arbeiter Johnnie Nelson vor Gericht aussagte, er habe seinen Pensionsfonds in Höhe von 500.000 Dollar verloren, unterbrach ihn ein Verteidiger: Ken Lay habe hunderte Millionen Dollar durch Aktienverluste eingebüßt. "Das", sagte Nelson sarkastisch, "bricht mir das Herz."