Für drei Schwünge in den Tod

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Symbolbild(c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)
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360 Grad Österreich: Der viele Schnee hat bisher sichergestellt, dass wir einen recht lawinenarmen Winter hatten. Das könnte sich noch ändern. Vor allem jetzt zu Ostern ist die Gefahr nicht zu unterschätzen.

Wenn Michael Larcher aus dem Fenster seines Büros in der Innsbrucker Olympiastraße schaut, hinauf auf die vor allem bei blauem Himmel atemberaubende Kulisse der schneebedeckten Nordkette, dann sieht er fast jeden Tag, was er nicht versäumt. Beinahe täglich gibt es einen neuen langen braunen Streifen vom Berg herunter, ein Zeichen dafür, dass wieder eine Lawine abgegangen ist. „Das könnt' heuer noch mehr werden“, erklärt der Leiter der Abteilung Bergsport beim Österreichischen Alpenverein (OeAV).

Der Winter war intensiv im Westen Österreichs. Wer sich in Wien oder Niederösterreich schon über Primeln freut, kann kaum glauben, welche Schneemassen noch immer auf den Tiroler Bergen liegen. Und die werden irgendwann herunterkommen – im besten Fall in Form von Wasser, im schlechtesten in Form riesiger Nassschneelawinen. Vor allem jetzt in den Osterferien ist die Gefahr für Tourengeher nicht zu unterschätzen.

Rein statistisch ist der heurige Lawinenwinter unspektakulär. 15 Menschen kamen bisher unter Schneebrettern ums Leben, im langjährigen Durchschnitt sind es 26 pro Wintersaison. Dass man den Unfällen in diesem Jahr weitaus mehr Aufmerksamkeit geschenkt hat, liegt an dem Unfall des niederländischen Prinzen Johan Friso in Lech. Der passionierte Skifahrer löste im freien Gelände eine Lawine aus. 20 Minuten war er unter dem Schnee, seither liegt er im Koma.

Dichte Schneeschichten.
Grund für die wenigen Lawinen ist der viele Schnee. „Schlimm ist es, wenn es wenig und immer wieder schneit“, erklärt Larcher. Dann bilden sich viele Schichten, und die gefährliche ist jene 30 Zentimeter unter der Schneedecke. „Auf tiefere Schichten wirkt sich das Gewicht des Menschen nicht aus.“ Aber bis zu einer Tiefe von 30 Zentimeter kann ein Mensch die Schneedecke beeinflussen und eine Lawine auslösen.

„99 Prozent sind Skifahrerlawinen“, erklärt Larcher. Lawinen also, die Skifahrer ausgelöst haben. Jetzt, zu Ostern, geht es meist um Selbstauslösungen. „Wenn's jetzt sehr warme Tage gibt oder wenn es lange regnet, dann rumpelt's“, sagt Rudi Mair, Chef des Lawinenwarndienstes des Landes Tirol. Dann weicht das Wasser die Schneeschichten auf und die Lawine geht ab.
Für Tourengeher gilt daher in den Osterferien eine ganz einfache Sicherheitsregel: Früh losgehen, damit hat man auch noch den Firn, und am späten Vormittag wieder raus aus den steilen Hängen. „Süd- oder Südosthänge am Nachmittag sind (wegen der Sonneneinstrahlung, Anm.) nicht gut“, meint Mair. Und vor allem: „Wegen vier, fünf schöner Schwünge riskier‘ ich nicht mein Leben.“ Andere schon.

Wenn man ein Rauschen hört, ist das der Alarm. Dann rollt eine Nasslawine mit feuchtem, schwerem Schnee den Berg herunter. Tückischer sind die Trockenlawinen, die man nicht hört. Im Jamtal (Silvretta) verschüttete 1999 eine Lawine eine Gruppe von 14 Personen, neun starben. Die Lawine ging nur wenige Meter hinter dem Bergführer des Deutschen Alpenvereins ab. Bemerkt hat er sie aber erst, als er die Rufe hörte.

Wenn man einmal unter der Lawine ist, dann tickt die Uhr. Nach 15 Minuten leben noch 92 Prozent (so sie nicht an erlittenen Brüchen oder inneren Verletzungen gestorben sind), ab der 16. Minute sinkt die Überlebensrate drastisch. Nach 25 Minuten leben noch etwa 35 Prozent der Verschütteten. Beim OeAV „trainieren wir die Menschen darauf, binnen 15 Minuten jemanden zu finden und einen Meter tief zu graben, damit der Kopf frei liegt“, berichtet Larcher. Bergführer des Alpenvereins müssen zwei Verschüttete binnen acht Minuten finden und einen bis zum Kopf ausgraben. Heuer haben das bei der Prüfung 15 von 20 geschafft.

Die Versicherung ist in diesen Fällen das Lawinenverschütteten-Suchgerät (LVS), mittlerweile nicht mehr einfach nur ein „Piepser“, sondern ein kleines Navi. Die neuesten Drei-Antennen-Geräte haben ein Display, das die Richtung zeigt, aus der das Signal des Verschütteten kommt, und auch die Entfernung. Zur Standardausrüstung der Tourengeher sollten auch eine Sonde, mit der man das Opfer exakt orten kann, und die Schaufel gehören. Oft, erzählt ein Bergretter, hätten Tourengeher zwar ein LVS dabei, aber keine Schaufel. „Das ist, als würde man Fallschirm springen ohne Reißleine.“

Lippenstift zum Anorak
. Das ist eben das Problem, bei einem Sport, der immer mehr Menschen anzieht. Etwa 600.000 Tourengeher ziehen jedes Jahr in die Berge – und viele sind völlig ahnungslos. „Das Schneeprofil zu verstehen, is a Wissenschaft“, sagt Peter Veider, Geschäftsführer der Tiroler Bergrettung. „Aber an a paar einfache Regln sollt ma si schon haltn.“ Im Winter herrscht auf Nordhängen mit mehr als 40 Grad Neigung sogar bei Warnstufe eins mäßige Lawinengefahr. „Aber Tourengehen is so in, da gehen Modepuppen auf den Berg, da passt sogar der Lippenstift zum Anorak.“

Wenn auch der Airbag zum Lippenstift passt, ist Veider wieder versöhnt. Die 600, 700 Euro teuren Lawinenairbags sind die Lebensretter, wenn die Lawine abgeht: Links und rechts blasen sich Ballons auf, die dafür sorgen, dass der Träger an der Schneeoberfläche bleibt. Bei einer Untersuchung von 262 Unfällen mit ausgelöstem Airbag überlebten 92 Prozent der Betroffenen. Auch der Begleiter von Prinz Friso hatte einen Airbag. Nach den Berichten über den Unfall waren alle Airbags ausverkauft.

Weder Veider noch Larcher noch Mair gehen heute ohne einen Airbag auf Skitour. Die bekanntesten kommen von der deutschen Firma ABS, die von jährlichen Steigerungsraten beim Verkauf von 20 Prozent berichtet.
Bei der Bergrettung in Tirol geht man aber auch mit der Zeit. Sie hat kürzlich eine Bergnot-App vorgestellt: Auf Knopfdruck geht ein Notruf an die Leitstelle, Koordinaten und Höhenmeter werden übertragen und eine Telefonverbindung wird hergestellt. Die App gibt es für iPhone und Android. Blackberry- und Nokia-Nutzer sollten besser Airbags, LVS und Schaufel dabeihaben.

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