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Zu Ostern geht es um das Leben, nicht um das Leiden

Auferstehung kann auch den Aufstand gegen Machtstrukturen und überholte Traditionen in Kirche und Staat bedeuten.

Das Leiden Christi bedeutet den Christen Trost, Vorbild, Hilfe, Hoffnung, Erlösung und Heil. Es darf ihnen aber nicht um das Leiden um seiner selbst willen, nicht um eine übertriebene Leidens- und (Erb-)Sündenlehre, um Höllenpredigten, um falsche Schuldgefühle gehen, wie es zum Teil noch immer der Fall ist. Es geht um das Leben und nicht um das Leiden.

Die Kirche muss dem Leben dienen. Es sind nicht alle Leiden um des Himmelreiches willen einfach zu ertragen. Wir dürfen uns nicht einfach in unser Schicksal ergeben. Wer aufgibt, hat schon verloren. Es gab und gibt sogar Pathologien und Kriege im Namen des Kreuzes. Es ist pervers, die Gewaltlosigkeit des Kreuzes mit Gewalt, mit „Kreuzzügen“ verteidigen zu wollen.

Wir müssen mit allen gerechten Mitteln einen viel tapfereren Kampf gegen ungerechte und unnotwendige Leiden führen, von welcher Seite diese auch immer kommen mögen. Dennoch gilt: Jeder nehme sein Kreuz auf sich! Aber für viele wird ihre Geschichte eine Passionsgeschichte bleiben. Manche werden – wie Christus am Kreuz – rufen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“

 

Bischöfe haben es nicht leicht

Erlösung gibt es nicht ohne Einsicht und Aussicht, nicht ohne Lösung von gravierenden Problemen. Auferstehung kann auch Aufstand gegen Machtstrukturen und überholte Traditionen in Kirche und Staat, für „die Freiheit der Kinder Gottes“ bedeuten. Omnipotenz und Präpotenz, Macht und Masche lassen in Wahrheit keine Wahrheit, keine Freiheit, keinen Frieden, kein Osterfest, keine Auferstehung zu. Auferstehung setzt Hin-Gabe voraus.

Bischöfe haben es nicht leicht. Sie „opfern“ oft wider besseres Wissen ihren freien Willen und ihr Rückgrat (ihr Kreuz) dem Papst und sprechen von Gewissen. Ohne Rückgrat gibt es aber keinen aufrechten Gang. Bischöfe, die dem Papst gegenüber, und Geistliche, die dem Bischof und dem Papst gegenüber „zu Kreuze kriechen“, verleugnen den Sinn des Kreuzes. Es ist eine Sünde, den eigenen freien Willen des Menschen Gott gegenüber mit seinem Willen dem Papst und dem Bischof gegenüber gleichzusetzen.

 

Glauben und Glaubwürdigkeit

Die Amtsträger nehmen irrtümlich und einseitig für sich in Anspruch, Gottes Willen zu kennen. Der Unmut der Kritiker wächst, weil diese keinen Mut haben. Ohne Glaubwürdigkeit kann man den Glauben nicht glaubhaft verkünden. Wenn Menschen, wenn Vorgesetzte und Eltern nur Gehorsam verlangen, sind sie und haben sie keine Autorität. Christus ist gestorben, weil er den Menschen gegenüber ungehorsam war, gehorsam nur Gott allein.

Es gibt nicht nur ein Kreuz von Bischöfen, sondern auch ein Kreuz mit Bischöfen. Sie haben das Kreuz, das Zeichen des furchtbaren Leidens und der tiefsten Entwürdigung Christi, als Brustkreuz zum Zeichen ihrer Würde und zum Schmuckstück degradiert. Wer das Kreuz missbraucht, hat ein Kreuz mit sich selbst und mit Gott.

Sie sind mitschuldig an den verhüllten und entfernten Kreuzen, an leeren Altären, am argen Ärger der Kirchenreformer. Es ist daher verständlich, dass die Basis mit den Bischöfen oft „über Kreuz“ ist. Daher geht vieles „kreuz und quer“. Die Kirchenleitung hat die Kirche verschuldet, wie die Politiker den Staat.

Die Kirche ist keineswegs schuldlos, nicht „schuldenfrei“. Wo bleibt ihr Rettungsschirm? Verschuldung hat mit Schuld zu tun. Schuld braucht Sühne, braucht Erlösung. Wo bleibt die Sühne, zumal zu Ostern? Ohne Einsicht und Buße gibt es keine Besserung, keine Verzeihung, keine Lossprechung, keine Auferstehung.

„Gott ist tot“, hat Nietzsche verkündet, verkünden die Atheisten. Sie bleiben damit beim Karfreitag stehen, missverstehen diesen aber und damit den Sinn des Leidens. Wegen der vielen Leiden kann es nach den Atheisten, Agnostikern und Zweiflern keinen Gott geben. Dabei hat uns Christus gerade durch sein Leiden erlöst.

Christus ist Gott und Mensch zugleich. Die Hierarchie und teilweise auch die Theologie (über-)betonen Christus als Gott, sein Menschsein und damit das Menschsein überhaupt kommen dadurch in der Kirche oft zu kurz. Jedes Kreuz hat zwei Balken, einen vertikalen, aber eben auch einen horizontalen. Der Glaube setzt die Natur voraus. Was gegen die Natur ist, hält sich nicht auf Dauer. Christus könnte gar nicht leiden, wenn er nicht auch Mensch wäre.

 

Christus will alle erlösen

Die Atheisten (über-)betonen das Menschsein, das Diesseits. Gott und das Jenseits kommen bei ihnen zu kurz. Dennoch verdunkeln sie die Erde gerade dadurch, weil sie eben keinen Himmel darüber haben. Ohne Himmel oben, ohne „Himmelfahrt“ gibt es auch keinen Himmel auf Erden.

Die Kirche verdunkelt die Erde, das Diesseits und insofern auch den Himmel, weil man ohne Einsatz für die Welt diesen nicht erreichen kann. Dennoch ist es so, dass Gläubige häufig mehr Mitmenschlichkeit und Solidarität aufbringen als Atheisten. Wer an Gott glaubt, nimmt eher Opfer auf sich, ist sozialer eingestellt.

Am freiwilligen Verzicht zerbricht man nicht. Christus will alle erlösen, nicht nur die Katholiken. Gott ist nicht katholisch. Ökumene ist daher auch österliche Pflicht, das diesbezügliche Versagen ein Skandal. Pluralismus ist keine Sünde. Alle werden verantworten müssen, was sie aus ihren Talenten gemacht oder nicht gemacht haben.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor

Anton Kolb (*30. 11. 1931 in Haus/Stmk.) studierte Theologie in Graz und Philosophie in Rom; 1956 Priesterweihe. Bis zu seiner Emeritierung (2000) war er Ordentlicher Universitätsprofessor für Philosophie an der Kath.-Theol. Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz, Institut für Philosophie. In den Jahren 1977 bis 1979 Rektor dieser Uni. [S. Furgler]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.04.2012)