Wer über die Wiener „Waste Watchers“ rätselt, hat Brüssels „Agents de poubelles“ noch nicht gesehen.
Hauptstadt der Sozialistischen Sowjetrepublik Belgoslawien: So verfluche ich an schlechten Tagen Brüssel, an Tagen also, an denen ich während der 300 morgendlichen Meter zum Bäcker zunächst über ein paar zertrümmerte Fernsehgeräte auf dem Gehsteig staune, bevor ich eine Kurve um eine still vor sich hin faulende Matratze mache, um kurz darauf eine Pfütze aus karmesinrotem Erbrochenem zu überspringen, groß wie eine Zeltplane, wobei ich aufpassen muss, nicht in einer zwei Meter langen Bremsspur aus Hundescheiße zu landen. Dabei wohne ich in einem Stadtteil, der als schick gilt. Bevor mir nun aber der belgische Botschafter einen entrüsteten Leserbrief diktieren lässt, eine Klarstellung: Ich mag Brüssel. Sehr gern sogar. Aber das mit dem Dreck: ein Drama.
Seit Anfang 2010 schleichen nun zwei Dutzend Müllwarte morgens durch die Straßen. Diese „Agents de poubelles“ schauen darauf, dass wir alle unseren Hausmüll in verschiedenfarbigen durchsichtigen Säcken trennen. Dazu schneiden sie die Säcke auf, um nach verräterischen Indizien wie Briefumschlägen zu wühlen. Landet etwas Falsches im falschen Sack, bleibt der nicht nur liegen. Nein, der Müllwart klebt auch einen Warnhinweis darauf. Im Wiederholungsfall drohen 65 bis 625 Euro Strafe, zuzüglich 75 Euro „Entsorgungskosten“. Mein Nachbar, ein kreuzbraver Freiburger, ist dem Müllwart neulich in die Hände gefallen. Sein Vergehen: Er hatte sorgfältig gereinigte Joghurtbecher im Sack für Plastikmüll zu entsorgen gewagt. Seither zuckt er bei jedem Klingeln der Türglocke zusammen und lässt die Finger vom Joghurt.
Sie sehen: Verglichen damit ist Wien eine ordoliberale Nachtwächterstadt, die Adam Smith frohlocken ließe. Vorausgesetzt, er trennt brav seinen Hausmüll.
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