Zu wenige „Hardliner“ unter Österreichs Hirten

Die „Causa Florian Stangl“ zeigt auf: Die Krise der österreichischen Kirche ist durch ihre führenden Amtsträger mitverursacht.

Knalleffekt in der „Pressestunde“ am 1. April: Kardinal Christoph Schönborn verkündet, dass er keinen Einspruch gegen die Wahl eines bekennenden Homosexuellen zum Pfarrgemeinderat erheben werde.

Selbstverständlich ist der Hinweis des Kardinals auf das Handeln Christi, der sich immer dem einzelnen Menschen und seiner konkreten Situation zugewandt hat, richtig. Und so hätte wahrscheinlich auch Jesus Florian Stangl in sein Haus aufgenommen und das Gespräch gesucht.

Am Ende des Gesprächs hätte er aber (mit an ziemliche Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) den Schlüsselsatz gesagt: „Geh hin und sündige von jetzt an nicht mehr!“ Doch man staune: In der „Pressestunde“ konnte man diese Worte vom Kardinal nicht vernehmen.

 

Wo man sich klare Worte wünscht

Im Gegenteil: Wir durften Ohrenzeugen davon sein, dass die österreichische Kirche offenbar keinen Einspruch gegen die Einführung der sogenannten „eingetragenen Partnerschaft“ eingebracht hat, da in einer solchen Partnerschaft lediglich zivilrechtliche Auswirkungen des Zusammenlebens geregelt werden. Vor dem Hintergrund eines Schreibens des Vatikans, wonach katholische Abgeordnete jedes Gesetz zur rechtlichen Anerkennung homosexueller Lebensgemeinschaften verhindern sollen, eine bemerkenswerte Aussage.

Zwar ist lobenswert, dass Kardinal Schönborn den Moralverfall in der österreichischen Politik im Zusammenhang mit Korruptionsaffären anprangert, sich für das Wahljahr 2013 eine Abrüstung der Wortwahl wünscht und zudem ein mea-culpa (zum wievielten Male eigentlich?) im sogenannten Missbrauchsskandal spricht.

Mindestens so klare Worte würde man sich aber vom Kardinal (und der Mehrheit seiner Bischofskollegen) auch in jenen Fragen der Glaubens- und Sittenlehre wünschen, die nicht auf ungeteilten Beifall der kirchenkritischen Mainstream-Medien stoßen. Beispiele gefällig? Wo bleibt etwa die regelmäßige Verurteilung des Unrechtsparagrafen im österreichischen Strafgesetzbuch, der sanktionslos die Tötung ungeborenen Lebens erlaubt? Wo bleibt der Aufschrei, wenn unter dem Deckmantel sogenannter künstlerischer Freiheitreligiöse Gefühle tausender Christen mit Füßen getreten werden?

 

Mediales Dauerbombardement

Und wann werden die Bischöfe endlich vereint aufstehen und deutliche Worte gegen den „Zwangsaufklärungsunterricht“ an Österreichs Schulen sprechen, der im Wesentlichen darin besteht, unsere Jugend möglichst frühzeitig mit den Techniken der Schwangerschaftsverhütung vertraut zu machen? Die Liste ließe sich fortsetzen.

Gewiss ist das Bischofsamt im Medienzeitalter kein leichtes Unterfangen. Aber Österreichs Hirten sind nicht in erster Linie dazu bestimmt, Beliebtheitswettbewerbe im ORF bzw. in zeitgeistigen Printmedien zu gewinnen. Vielmehr haben sie die Aufgabe, den überlieferten katholischen Glauben unverkürzt („gelegen“ oder „ungelegen“) zu vertreten.

Die jüngsten Erklärungen von Kardinal Schönborn werden vor den Toren des Vatikans nicht haltmachen. Schon einmal hat Rom versucht, eine Kurskorrektur im österreichischen Episkopat einzuleiten, die jedoch aufgrund des medialen Dauerbombardements gegen streitbare Bischöfe (vor allem gegen Bischof Krenn) nicht von nachhaltigem Erfolg gekrönt war.

 

Ein zweiter Versuch Roms?

In näherer Zukunft stehen Bischofsernennungen in wichtigen Diözesen (darunter Salzburg und Graz) an. Das Problem in Österreich ist nicht, dass es ein zu viel an katholischen „Hardlinern“ gibt, sondern, dass es zu wenige sind. Vielleicht unternimmt Rom ja einen zweiten Versuch.

Dr. Michael Etlinger ist Jurist und beruflich Mitglied einer unabhängigen Vergabekontrollinstanz; privat praktizierender Katholik.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.04.2012)