Ist das „Schweißtuch der Veronika“ im Vatikan eine Fälschung und ein Stück Stoff in den Abruzzen das Original? Lag es einst auf dem Gesicht Jesu? Über den Schleier von Manoppello – eine deutsche Erfolgsgeschichte.
Forscher über Forscher rätseln über das Grabtuch von Turin: Wie ist der Körper eines Gekreuzigten auf den Stoff gekommen? Wenn es von Menschenhand geschehen ist, dann mit einer Technik, die bis heute schleierhaft bleibt. Das Johannes-Evangelium erzählt aber noch von einem weiteren Tuch im Grab Jesu – einem Schweißtuch, das auf seinem Gesicht gelegen haben soll. „Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sah die Leinenbinden liegen und das Schweißtuch, das auf dem Kopf Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle“ (Joh 20, 3–7).
Um dieses Stück Stoff ranken sich seit einigen Jahren wieder wilde Spekulationen. Ihr Zentrum ist ein Dorf, das in den italienischen Abruzzen liegt, mit einem Kirchlein und einem Bild darin. „Il volto santo“ nennen Ortsansässige und Pilger dieses Bild – „das heilige Gesicht“.
Ein männliches Gesicht mit offenen Augen
Hauchdünn ist das Tuch von Manoppello, ein Schleier so fein, dass man eine dahinter liegende Zeitung lesen könnte. Es zeigt ein männliches Gesicht mit offenen Augen, leicht geöffnetem Mund und rötlichen Flecken, und zwar von beiden Seiten, nur spiegelverkehrt. Der Stoff sieht genauso aus wie Muschelseide, einer der kostbarsten Stoffe der Geschichte, der heute nur noch von einer einzigen Frau gewebt wird – und die schwört, der Schleier könne nur daraus gemacht sein. Muschelseide hat aber eine besondere Eigenschaft: Sie nimmt keine Farbe an. Das Tuch hat noch andere Merkwürdigkeiten zu bieten. Bei Gegenlicht verschwindet das Bild, unter bestimmten Lichtverhältnissen scheint das Bild im Rahmen zu schweben wie ein Hologramm, und die zwei Seiten des Bildes zeigen winzige Unterschiede im Gesicht; so ist etwa eine Stirnlocke nur auf einer Seite erkennbar, ohne dass sie auf der anderen Seite durchscheinen würde.
Papst Benedikt XVI. in den Abruzzen
Der deutsche Journalist Paul Badde ist sicher, dass der Schleier von Manoppello einst auf dem Gesicht Jesu gelegen ist. Derlei Reliquien-Schwärmerei, die auch andere vermeintliche Schweißtücher wie jenes im spanischen Oviedo auslösen, interessiert normalerweise nur ausgewählte Gläubige. In Deutschland aber hat Baddes Buch „Das Muschelseidentuch“ seit 2005 Furore gemacht, nicht zuletzt mithilfe von Medien wie der „Zeit“ und dem „Spiegel“. Eine deutsche Nonne hat sich eigens in Manoppello niedergelassen, um sich ganz der Erforschung des Tuchs zu widmen. Mittels Computerüberblendungen mit dem Turiner Grabtuch glaubt sie beweisen zu können, dass die zwei Gesichter identisch sind. Und so viel Aufsehen erregten Baddes Spekulationen, dass sich ein Jahr nach Erscheinen des Buchs sogar Papst Benedikt in die Abruzzen fahren ließ und das Tuch besuchte – wenn er es auch tunlichst vermied, von einem Schweißtuch oder einer Reliquie zu sprechen.
So breitenwirksam ist Baddes Geschichte vom Muschelseidentuch wohl deswegen, weil es in ihr auch um eine vatikanische Verschwörung geht. Badde greift nämlich eine 1999 von Kunsthistoriker Heinrich Pfeiffer geäußerte, gewagte Idee auf. Der Schleier von Manoppello sei nichts anderes als das sogenannte „Sudarium“ oder „Schweißtuch der Veronika“ – benannt nach einer legendenhaften Frau, die Jesus auf seinem Gang nach Golgatha ein Tuch gereicht haben soll. Demnach wäre es die im abgelegenen Bergdörfchen die Jahrhunderte lang meistverehrte und kostbarste Reliquie der Christenheit.
Aber befindet sich das Sudarium nicht in einem der vier Stützpfeiler der Kuppel des Petersdoms, wo es an jedem fünften Sonntag der Fastenzeit herausgenommen und den Gläubigen präsentiert wird? Eine billige Fälschung, sagt Pfeiffer. Dass das Schweißtuch im 16. Jahrhundert geraubt wurde und das heutige Bild (auf dem so gut wie nichts zu sehen ist) nicht das Original ist, haben schon früher Wissenschaftler vermutet. Neu ist die Verbindung mit Manoppello. Badde hat den Schleier abgemessen, er passt genau in den Originalrahmen des Schweißtuches. Insgesamt sind die Indizien allerdings dürftig. 2011 erschien Baddes Buch in einer erweiterten Neuauflage, auch hier finden sich keine neuen Beweise.
Wie ein Porträt der Frührenaissance
Schön komponiert ist diese Geschichte auf jeden Fall. Sie könnte sich allerdings schnell auflösen, wenn die Kirche beschließt, eine Untersuchung des Stoffs außerhalb des Rahmens zu erlauben. Bislang konnte es nur mit Mikroskop und ultravioletter Strahlung untersucht wurden, und die Wissenschaftler streiten: Haben sie nun vereinzelt Farbpigmente darauf entdeckt oder nicht? Handelt es sich denn überhaupt um Muschelseide – oder doch nur um feinstes Leinen, das ebenso wie die Muschelseide früher in Italien „Byssus“ genannt wurde? Warum wirken Teile des Gesichtes eindeutig wie aufgemalt, und warum ähnelt der Mann darauf so auffallend Porträts aus der italienischen Frührenaissance?
Auch ein großer Künstler aus dieser Zeit soll einmal auf Byssus gemalt haben; er schickte Raffael ein Selbstporträt von ähnlicher Art, wie er es auf dem Grabtuch von Turin gesehen hatte. Der italienische Kunsthistoriker Roberto Falcinelli glaubt im Schleier von Manoppello dieses verschollene Bildnis gefunden zu haben. Dann wäre die Technik, die noch Rätsel aufgibt, das Werk eines Malergenies. Und die Pilger hätten in Manoppello nicht Jesus Christus gesehen, sondern – Albrecht Dürer.
„Das Geheimnis von Manoppello“ läuft heute, dem 6. April, im Rahmen der Reihe „FeierAbend“ um 20 Uhr in ORF2. Der Grazer Theologe Peter Trummer, ein Rom-Kenner und Bilderexperte, macht sich in diesem Film auf in den Petersdom, wo Gläubigen ein als „Veronika“ verehrtes Tuchbild gezeigt wird, und vertieft sich in das Muschelseidentuch in Manoppello, von dem behauptet wird, es sei der legendäre Schleier der Veronika, stamme aus dem Grab Jesu und zeige sein Porträt.