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Backaldrin: Angriff auf den Kornspitz

(c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Felix Roittner)
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4,5 Millionen Stück Kornspitze werden weltweit täglich verkauft. Weckerl-Erfinder Backaldrin aus Oberösterreich schneidet mit. Nun droht das Linzer Unternehmen seine Vorzeigemarke jedoch zu verlieren.

Asten. Dutzende Semmeln haben die Bäckerlehrlinge heute schon mit ihren Händen zerbröselt. Bis zum Abend werden etliche dazukommen. Denn noch kracht das Gebäck aus dem neu geernteten Mehl nicht so, wie es die Kunden gewöhnt sind. Bis es soweit ist, wird in den Versuchsbäckereien von Backaldrin weiter an der Rezeptur gefeilt. Denn der oberösterreichische Betrieb ist so etwas wie der Vorbäcker der Nation.

Tausende Bäckereien in über 90 Ländern vertrauen auf die Backmischungen aus Asten bei Linz. Bekannt wurde Backaldrin aber nicht für Semmeln, sondern für seine größte Erfindung: den Kornspitz. 4,5 Millionen Stück werden weltweit jeden Tag verkauft. Und jedes Mal schneidet die Firma aus Oberösterreich mit. Verkauft werden eine Ballaststoffmischung und das Recht, die Weckerln auch Kornspitz zu nennen.

Doch nun droht die Erfolgsgeschichte zu Ende zu sein. Erst vor wenigen Wochen landete der Bescheid des Patentamts am Firmensitz: Nach über zwanzig Jahren sei Kornspitz ein Gattungsbegriff geworden und damit kein geschützter Name mehr, urteilte das Amt. Aber was bedeutet das für einen Betrieb, dessen Erfolg so eng mit einer Marke verbunden ist?

„Natürlich ist das nicht angenehm“

In der Kornspitzstraße 1 in Asten hat sich seit dem Bescheid wenig geändert. Standesgemäß füllt warmer Brotduft noch den letzten Besprechungsraum auf dem Firmensitz. Und Unternehmensgründer Peter Augendopler fühlt sich in seiner Rolle als notorischer Optimist offenbar pudelwohl: „Natürlich ist so etwas nicht angenehm“, räumt der 66-Jährige gegenüber der „Presse“ ein. „Aber ich kann auch im größten Mist noch etwas Positives finden.“ So habe der Medienrummel in seinen Augen etwa dazu beigetragen, dass heute mehr Kornspitze verkauft werden als je zuvor.


Gegen den Bescheid hat der Bäcker in dritter Generation Einspruch eingelegt. Bis die endgültige Entscheidung da sei, könnten Jahre vergehen – solange ändere sich gar nichts. Zum Umsatz trage der Kornspitz weniger als ein Zehntel bei. „Die kleinen Bäcker kopieren die Backmischung längst“, sagt der Backaldrin-Chef augenzwinkernd.
Grund zur Freude ist der Markenstreit dennoch nicht. Denn erst seit dem Unternehmen bei der Bäckereiausstellung 1984 mit dem Kornspitz der große Wurf gelungen ist, geht es steil nach oben. Der Kornspitz wurde berühmt – und mit ihm die Firma Backaldrin. Hält der Bescheid des Patentamts, kann künftig jedes Weckerl den Namen Kornspitz tragen. „Das kann doch nicht sein“, klagt Augendopler. Das könne eine Marke kaputt machen.

Viel Interesse hat der kräftige, grauhaarige Firmenchef aber nicht, über mögliches Unheil für sein Imperium zu reden. Lieber erinnert er sich daran, wie alles begonnen hat. Gemeinsam mit seinen Eltern gründete er als 20-Jähriger Backaldrin. „Wir hatten nichts, keine Gebäude, kein Rezept, keine Maschine, kein Geld, aber auch keine Schulden.“ Dafür aber jede Menge Willenskraft und Leidenschaft.

Entwicklungsarbeit für Bäcker

Beides hat sich der Unternehmer bis heute bewahrt. Seine Augen glühen, ganz gleich, ob er über neue Brotsorten sinniert oder von der Expansion des Unternehmens erzählt. „Bayern war immer unser großes Ziel“, erinnert sich Augendopler. Heute liefert Backaldrin Rohstoffmischungen an Bäcker und Konditoren in 90 Ländern. In Brasilien heißt der Kornspitz übrigens „Korpitz“, weil die Brasilianer keine vier Konsonanten hintereinander aussprechen können. In China und Japan heißt das Weckerl  ohnehin „Edelweiß“.

Die Exportquote liegt bei 75 Prozent. Produziert wird in Jordanien und Österreich. Die Entwicklungsarbeit bleibt in Asten – und wird mit einem neuen Forschungszentrum noch verstärkt. Nach jeder Ernte müsse die Rezeptur nachjustiert werden, damit das Brot seinen typischen Geschmack behält. Den Job übernimmt Backaldrin. 7000 Bäcker kommen jährlich, um zu lernen, wie man das Backaldrin-Brot am besten bäckt. Das Modell funktioniert: Vergangenes Jahr stieg der Umsatz des 650-Mann-Betriebs auf 132 Mio. Euro.

Das Tagesgeschäft hat Peter Augendopler bereits abgegeben. Der Wirbel rund um den Kornspitz bereitet ihm keine Sorgen mehr. Der Brot-Enthusiast widmet sich lieber dem Erfinden neuer Brotsorten. Über sein Bibelbrot habe sogar der Papst getwittert, erzählt er. Jeden Tag um acht Uhr kümmert sich Augendopler um seine zweite Leidenschaft: Lehrlinge. Dann bestellt der Firmenchef die drei Teenager zum Turmrechnen gegen die Zeit zu sich. „Guter Bäcker zu sein allein reicht nicht“, sagt er. „Man muss auch rechnen können, sonst zieht man immer den Kürzeren.“