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„Rezak, wie kann man so etwas verarbeiten?“

Symbolbild
(c) REUTERS (PETER ANDREWS)
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Der Radiojournalist Rezak Hukanovic hat das Todeslager von Omarska überlebt und konnte nach Norwegen flüchten. Doch nach dem Krieg ist er nach Bosnien zurückgekehrt und wohnt sogar wieder in seinem Heimatdorf.

Prijedor. Rezak Hukanovic ist eine imposante Gestalt. Sein gefurchtes Gesicht, seine muskulöse, leicht übergewichtige Figur und die dunkle Stimme verbreiten Autorität. Kaum jemand käme auf die Idee, dass er einmal halb verhungert im Todeslager Omarska um sein Leben fürchten musste. Dass er zusammengeschlagen und schwer verletzt die Torturen überlebt hat. „20 Jahre ist es nun schon her, als unser aller Leben aus dem Ruder lief.“ Er war damals Radiojournalist in Prijedor, lebte mit seiner Frau und den beiden Söhnen glücklich zusammen. Doch mit einem Schlag wurde alles anders. Plötzlich durfte Hukanovic wie alle anderen Muslime und Kroaten nicht mehr arbeiten. Er blieb jedoch gelassen.

Noch wenige Monate zuvor hatte niemand gefragt, welche Religion jemand hatte. Doch am 30. Mai splitterte die Tür. Serbische Milizionäre stürmten herein, Pistolen und die Kalschnikow im Anschlag. „Sie zwangen mich mitzukommen.“ Ihm würde nichts passieren, nur eine Kontrolle, erklärten sie. In einem Raum der Polizeistation saßen zusammengepfercht an die hundert andere Männer. Einzeln wurden sie zu den Verhören geführt. Zurück kamen blutende und völlig verstörte Männer. Dann kam ein Bus und brachte sie weg. Nach einer Stunde Fahrt kamen sie in einem Lager an.

 

Das Martyrium von Omarska

Das Erzbergwerk Omarska war von bewaffneten Serben gesichert. Kaum angekommen, mussten die Gefangenen durch ein Spalier der Milizionäre gehen, die wild auf sie einschlugen. Auch sein damals 16-jähriger Sohn musste ein paar Tage die Schläge auf sich nehmen. Doch diese Tortur war nur ein kleines Vorspiel für ein zehnwöchiges Martyrium. In einem Raum mit Hunderten von Gefangenen wiederholte sich jeden Tag die gleiche Prozedur.

Gefangene wurden herausgerufen. Manche waren nur noch ein Knäuel aus Fleisch und Blut. Viele kamen nicht mehr zurück. Auch Hukanovic wurde mehrmals ins Folterzentrum, ins „weiße Haus“, gebracht. Er hat es wohl seiner Konstitution zu verdanken, dass er das alles überlebt hat. „Gott sei Dank mein Sohn auch.“ Wer ins „rote Haus“ gerufen wurde, hatte sein Todesurteil bekommen. Über 3200 Menschen sind in Omarska mit Dolchen, Pistolen, Knüppeln und anderen Mordwerkzeugen getötet worden, schätzt er. Noch heute weiß er nicht, wie er diese Zeit überleben konnte.

„Rezak, wie kann man so etwas verarbeiten?“ „Ich weiß nur, dass ich mir das alles von der Seele schreiben musste.“ Sein 1996 auch in englischer Sprache erschienenes Buch über seine Gefangenschaft in Omarska und Manjaca, „The Tenth Circle of Hell“ (mit einem Vorwort des Holocaust-Überlebenden Elie Wiesel), hat viele Leser zutiefst erschüttert. Ende August 1992 wurden die Überlebenden in andere Lager und schließlich mithilfe des Roten Kreuzes aus dem Land nach Kroatien gebracht. Dann wurden die Mitglieder seiner Familie in Norwegen als Flüchtlinge aufgenommen.

 

Keine Arbeit in Prijedor

1998 kehrte er in die Region zurück. Er wohnt sogar wieder in seinem Heimatdorf nahe Prijedor. Die vor dem Krieg rund 100.000 Menschen zählende Stadt und sein auf den Hügeln oberhalb der Stadt liegendes Dorf sind mit dem Frieden von Dayton 1995 der serbischen Teilrepublik zugeschlagen worden. Vor dem Krieg waren orthodoxe Serben und muslimische Bosniaken ungefähr gleich stark in der Region vertreten. Die katholischen Kroaten machten rund sechs Prozent der Bevölkerung aus. In seinem Beruf arbeiten kann Hukanovic in seiner Stadt nicht mehr. Denn nicht serbische Rückkehrer haben es schwer, in der serbischen Teilrepublik Arbeit und Auskommen zu finden.

 

Gegen Ethnopolitik

Rezak Hukanovic ist gegen diese Ethnopolitik. Er tritt nach wie vor für das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religionen in einer modernen Gesellschaft ein. Die Regularien der serbischen Teilrepublik hält er deshalb für diskriminierend. „Das ist eine Art Apartheid, die im April 1992 ihren Anfang nahm.“

Rezak ist 1998 allein zurückgekommen. Seine Familie lebt weiterhin in Norwegen. „Meine Söhne haben dort Arbeit gefunden. Sie kommen nur zu Besuch.“

Er eröffnete in dem kaum 30 km entfernten, aber im bosniakisch-kroatischen Teilstaat liegenden Städtchen Sanski Most ein viel besuchtes Café. Direkt vom Café führen einige Türen zu den Räumen der lokalen privaten Fernsehstation. Rezak ist Journalist geblieben. Mit seinen Programmen erreicht er Prijedor. Rezak Hukanovic will nicht resignieren. Und er steht auch nicht allein.

Wir fahren die Strecke von Sanski Most nach Prijedor hinunter, entlang des zu dieser Jahreszeit reißenden Sana-Flusses. Der Blick auf das grünliche Wasser, die Weiden, die schon mit Vorfrühlingsblumen durchsetzten Wiesen, die blühenden Obstbäume in dieser sanften und fruchtbaren Landschaft bildet eine wohltuende Abwechslung zu den Gesprächen über die grauenhafte Vergangenheit.

Kurz vor Prijedor sind viele neue Häuser zu sehen. „Die waren alle zerstört, niedergebrannt.“ Die im Exil lebenden Vertriebenen haben nach 1999 ihren Besitz wieder zurückerhalten. Und sie haben mit dem Geld, das sie im Ausland verdienten, ihre Häuser schöner und größer wiederaufgebaut.

Endlich erreichen wir das Erzbergwerk Omarska, 30 km östlich der Stadt gelegen, heute im Besitz des indisch-britischen Konzerns Mittal Steel. Vor 20 Jahren gehörte das Bergwerk dem Staat. Das „weiße“ und das „rote“ Haus werden von der Firma wieder genutzt. Als sei nichts gewesen.

 

Zutritt verboten

Der Zutritt für betriebsfremde Personen ist verboten. Nicht einmal eine Gedenktafel anbringen dürfen die Opfer von damals. „Wir kämpfen um eine Gedenkstätte.“ „Rezak, wie geht es weiter? Wie könnt ihr mit der serbischen Bevölkerung zusammenleben? Die serbisch-bosnische Gesellschaft weist doch alle Schuld von sich. Nach Darstellung der meisten serbischen Medien hat es die Konzentrationslager ja gar nicht einmal gegeben, obwohl einige Verantwortliche vom UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zu langen Haftstrafen verurteilt worden sind.“

Einige Täter seien aus den Reihen vieler herausgegriffen worden, urteilt Rezak. Jetzt seien schon einige Verurteilte, so der 1994 in München verhaftete Duško Tadić, nach Abbüßung der Strafe in die Region zurückgekommen. „Rache wollen wir nicht. Aber die Wahrheit muss akzeptiert werden. Ich schreibe jetzt gerade an einem zweiten Buch.“

Zur Person

Rezak Hukanovic hat das Todeslager von Omarska überlebt. Seine Erlebnisse hat er in seinem Buch „The Tenth Circle of Hell: A Memoir of Life in the Death Camps of Bosnia“ verarbeitet. Doch Hukanovic ist kein bitterer Mann geworden, sondern setzt sich heute in Bosnien für ein friedliches Zusammenleben der verschiedenen Ethnien ein. Die Ethnopolitik in der Republika Srpska hält er für Apartheid. [E. Rathfelder]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.04.2012)