Hans Küng: „Das Christentum beginnt mit Ostern“

Exegese. Der Schweizer Theologe hat ein „Jesus“-Buch veröffentlicht, in dem er einen „radikalen“ christlichen Humanismus verficht. Mit dem Papst, der selbst bisher zwei Bände seines „Jesus“ publiziert hat, verbindet den früheren Universitätskollegen einzig der tiefe Christus-Glaube.

Was bedeutet es, Christ zu sein? „Jesus als letztlich ausschlaggebend, maßgebend für den Menschen in allen seinen Dimensionen zu betrachten“, antwortet Hans Küng. Dieser Passage in seinem neuen Buch würde Joseph Ratzinger vorbehaltlos zustimmen. Einst waren sie gleichzeitig in Tübingen Dogmatik-Professoren, später erhielt der eine Lehrverbot, weil er die päpstliche Unfehlbarkeit anzweifelte, der andere wurde Papst. Zu seinen schärfsten Kritikern gehört bis heute Küng.

Schon auf den ersten Seiten seines „Jesus“-Buches geht er auf Konfrontationskurs mit früheren Kollegen. „Wer im Neuen Testament den dogmatisierten Christus sucht, lese Ratzinger, wer den Jesus der Geschichte und der urchristlichen Verkündigung sucht, lese Küng.“ Küng sieht sein Buch in Opposition zum „Jesus“-Buch des Papstes, von dem bisher zwei Bände erschienen sind. Abgesehen davon, dass beide Autoren nach dem „echten“ Jesus suchen, sind die Werke kaum vergleichbar, schon im Umfang. Ratzingers „Jesus“ ist ein Mammutunternehmen, eine gewaltige Monografie, einzigartig für einen amtierenden Papst. Die Arbeit von Jahrzehnten steckt darin. Auch in Küngs Buch stecken Jahre des Forschens, aber lang vergangene; die Kapitel basieren durchwegs auf Abschnitten seines Bestsellers „Christ sein“ (1974), dessen Veröffentlichung zum Lehrverbot beitrug.

„Jesu Scheitern war vollständig“

Die „nüchterne Leidenschaft“, mit der dieses Werk geschrieben ist, tritt besonders in den Kapiteln über Tod und Auferstehung hervor – wobei Küng lieber von „Auferweckung“ spricht. Küng stellt das totale Scheitern in den Mittelpunkt von Jesu Tod. „Jesu Sterben war real, seine Menschen- und Gottverlassenheit manifest, seine Verkündigung und sein Verhalten desavouiert, sein Scheitern vollständig: ein totaler Bruch, wie ihn im Leben und Werk eines Menschen allein der Tod vollziehen kann.“ Jesus „wird vor aller Welt als Gottloser demonstriert; ein von Gott selbst Gerichteter, der ein für allemal erledigt ist“. Und nachdem die Sache, für die er gelebt und gekämpft hatte, so sehr an seine Person gebunden war, sei mit seiner Person auch seine Sache gestorben.

Zumindest hätte es so sein müssen. Dass es dann doch zu einer Gemeinschaft kam, die sich auf den Namen eines Gekreuzigten bezog, ist für Küng ein „historisches Rätsel“. Er streicht den Gegensatz heraus zwischen der allmählichen Ausbreitung der Lehren eines Buddha oder Mohammed zu deren Lebzeiten und der explosionsartigen Verbreitung der Botschaft eines Zu-Fall-Gekommenen. Weder Psychologie noch die herrschenden Verhältnisse könnten dieses Rätsel lösen.

Sondern nur eines: „die Glaubenserfahrungen, Glaubensberufungen, Glaubenserkenntnisse der Jünger um den lebendigen Jesus von Nazaret“. Die urchristlichen Zeugen stimmen bei allen Unstimmigkeiten in einer Überzeugung überein: Der Gekreuzigte lebt für immer bei Gott, und wer ihm nachfolgt, wird ebenfalls leben. „Das Christentum“, schreibt Küng, „beginnt mit Ostern.“

Seit bald 20 Jahren steht Hans Küng der Stiftung für Weltethos vor. Diese versucht, das ethisch Verbindende der Religionen herauszuarbeiten. Trotzdem ist für Küng die christliche Ethik nicht auf die Bergpredigt reduzierbar, sie in ihrer Einzigartigkeit ohne Tod und Auferstehung nicht denkbar.

„Das Unwahre und Ungute integrieren“

Der Humanismus der Christen sei ein „radikaler“, der nicht einfach alles Wahre, Gute, Schöne und Menschliche bejahe, sondern auch „das Unwahre, Ungute, Unschöne und Unmenschliche zu integrieren und zu bewältigen vermag: nicht nur alles Positive, sondern auch – und hier entscheidet sich, was ein Humanismus taugt – alles Negative, selbst Leiden, Schuld, Tod, Sinnlosigkeit“.

Hans Küng, „Jesus“, Piper, 304 S., € 20,60

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2012)

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