Nach Kritik: Grass würde Israel-Gedicht anders fassen

Nach Kritik: Grass würde Israel-Gedicht anders fassen
(c) EPA (MARCUS BRANDT)

In einem Interview mit der "SZ" relativiert Günter Grass seine Kritik an Israel. Der Literaturnobelpreisträger fühlt sich aber weiter als Opfer der Medien.

Nach massiver Kritik hat Literaturnobelpreisträger Günter Grass Formulierungen in seinem Israel-Gedicht relativiert. "Ja, ich würde den pauschalen Begriff 'Israel' vermeiden", antwortete Grass in einem Interview auf die Frage, ob er den Text inzwischen anders schreiben würde. Zudem würde er nun deutlicher machen, dass er sich in erster Linie gegen die derzeitige israelische Regierung von Benjamin Netanjahu wende, sagte der 84-jährige Literaturnobelpreisträger der "Süddeutschen Zeitung" ("SZ").

"Die kritisiere ich: Eine Politik, die gegen jede UN-Resolution den Siedlungsbau fortsetzt. Ich kritisiere eine Politik, die Israel mehr und mehr Feinde schafft und das Land mehr und mehr isoliert." Netanjahu sei nach seiner Einschätzung der Mann, der Israel zurzeit am meisten schade, "und das hätte ich in das Gedicht noch hineinbringen sollen", sagte der 84-Jährige.

"Hordenjournalismus gegen mich"

Grass sieht sich in der Debatte über sein umstrittenes Israel-Gedicht aber auch als Opfer der Medien. "Ich vermisse die Bandbreite der Meinungen, die kontroverse Diskussion, wie sie zur Demokratie gehört. Es gibt einen Hordenjournalismus gegen mich, bis in die Formulierungen hinein."

Zuvor hatte er in einem Fernsehinterview die einhellige Kritik der Medien an seinem Gedicht als "Gleichschaltung der Meinungen" bezeichnet, was wiederum heftige Kritik hervorrief. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) nannte Grass' Vorwürfe "absurd".

Grass erwiderte in der "SZ": "Ich habe auch nicht gemeint, dass da jemand im Wortsinn eine bestimmte Meinung diktiert. Ich rede nicht von der Gleichschaltung wie in einem totalitären Staat. Wenn in einer Demokratie der Eindruck von Gleichschaltung entsteht, ist das ja noch schlimmer."

Grass hat in seinem am Mittwoch erschienenen Gedicht "Was gesagt werden muss" Israel vorgeworfen, als Atommacht den Weltfrieden zu gefährden, in dem es den Iran bedrohe. Dies hatte weltweit Aufsehen erregt und Grass den Vorwurf des Antisemitismus eingebracht.

Iran lobt Grass

Positiv wurde das Gedicht naturgemäß vom Regime in Teheran aufgenommen. In einem von den iranischen Medien am Samstag zitierten Brief an den "bedeutenden Schriftsteller" lobte Vize-Kulturminister Jawad Shamakdari den 84-Jährigen, er habe mit seinem Gedicht "die Wahrheit gesagt". Er hoffe, die Kritik werde "das eingeschlafene Gewissen des Westens aufwecken", schrieb Shamakdari weiter.

Der Schriftsteller Rolf Hochhuth hat das umstrittene Gedicht dagegen scharf kritisiert. Der "Münchner Merkur" veröffentlichte einen offenen Brief des 81-Jährigen Dramatikers mit der Überschrift "Grass 'ordnet an', Israel dürfe kein U-Boot kaufen!"

Dramatiker schämt sich für "Grass' Albernheit"

In dem Brief heißt es: "Auch ich (...) schäme mich als Deutscher Deiner anmaßenden Albernheit, den Israelis verbieten zu wollen, ein U-Boot deutscher Produktion zu kaufen, das möglicherweise allein ihrem kleinen Staat die letzte Sicherheit geben kann, von einer engst benachbarten Atommacht buchstäblich über Nacht nicht ausgerottet zu werden!" Seit Hitler habe kein anderer Staat als der Iran dem jüdischen Volk mit Ausrottung gedroht, schrieb Hochhuth ("Der Stellvertreter") laut Vorabbericht.