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Katholische Kirche: Intrigenspiel im Vatikan

Katholische Kirche Intrigenspiel Vatikan
(c) AP (PIER PAOLO CITO)
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Seit drei Jahrzehnten bestimmt Joseph Ratzinger den Kurs der katholischen Kirche. Nun wird der Papst 85 Jahre alt, und in der Kurie ist offenbar ein Kampf um günstige Positionen im nächsten Pontifikat ausgebrochen.

Wie BenediktXVI. sich selbst sieht und wie er in der Öffentlichkeit gesehen werden will, darin gibt der „Osservatore Romano“ die Linie vor. Für die Hauszeitung des Papstes ist der Chef ein „milder Hirte“, von „schüchternem Blick“ und „höflicher Demut“. Aber täusche sich keiner, so lautet die offizielle Botschaft: Benedikt werde in die Geschichte eingehen als ein Papst, „der vor den Wölfen nicht zurückschreckt“ und der seine „Kirche reinigt mit Mut, Hartnäckigkeit und Geduld, auch wenn der Feind nächtens Unkraut in den Weizen streut“.

So gesehen hat Benedikt derzeit im eigenen Haus eine Menge zu tun: Die Wölfe sind in die römische Kurie vorgedrungen. Das Wort „Korruption“ macht die Runde. Schlammschlachten toben. Aus den führenden Etagen des Vatikans heraus werden Kardinäle und Bischöfe verunglimpft. Interne Papiere oder eigens fabrizierte Dossiers landen ausgerechnet bei jenen Zeitungen, die zu Berlusconis Zeiten für alle Schmierenkampagnen gut waren.

Auch Judas war ein Apostel. Im Krieg der Schmuddeldokumente ist die Übersicht verloren gegangen, wer eigentlich gegen wen intrigiert. Der Eindruck verbreitet sich, als löste sich gerade ein Reich auf und als fühlte sich mancher – auf der Suche nach einer günstigen Startposition für künftige Entwicklungen – nicht mehr an Loyalitätspflichten von heute gebunden. „Der Glaube wird siegen über die Feinde der Kirche“, beschwichtigt Kardinal Giovanni Lajolo, bisher Gouverneur der Vatikanstadt. Nachsatz: „Im Kreis der Apostel war auch Judas Iskariot.“

Feinde gemacht hat sich beispielsweise Kurienerzbischof Carlo Maria Viganò. In Zeiten der Finanzkrise, die ihre Löcher selbst in den Vatikanhaushalt riss, hatte man ihn als Spar- und Reformkommissar ins Governatorat geschickt, in die Regierungsbehörde der Vatikanstadt. Zuerst fegte Viganò mit Rückendeckung von Benedikts zweitem Mann, Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, durch die Hallen. Plötzlich aber erschienen anonyme, diffamierende, mit Insiderwissen gespickte Artikel über Viganò in der italienischen Tageszeitung „Il Giornale“, und Bertone ließ den Kommissar fallen. Das heißt: Er beförderte ihn weg.

Viganò bekam den Posten des Apostolischen Nuntius in Washington, einen diplomatischen Spitzenjob. Und alles Wehren half ihm nichts. An den Papst selbst schrieb der Erzbischof, seine Arbeit hätte das Minus im Budget in ein Millionenplus gewandelt, und angesichts dieses Erfolgs müsse seine Versetzung „als Degradierung, als Bestrafung aufgefasst“ werden.

Dann nannte Viganò seine Verleumder. Er benannte Funktionäre – Priester und Abteilungsleiter –, die durch Gedankenlosigkeit nicht nur Geld verschwendet, sondern sich selbst auf Kosten der Kirchenkassen eine goldene Nase verdient hatten, indem sie Bauaufträge oder Einkäufe zu überhöhten Preisen vergeben und Provision kassiert hätten. So seien einmal der „Osservatore Romano“ um 97.000Euro und die Vatikanische Güterverwaltung um 85.000Euro betrogen worden. Und dann schoss Viganò auch gleich noch gegen die – eigentlich – angesehenen Bankmanager, die der Kirchenstaat zur Verwaltung seiner irdischen Güter zusammengerufen hatte. Diese Banker, schrieb Viganò an den Papst, „verfolgen mehr ihre eigenen Interessen als die unseren“. So hätten sie im Dezember 2009, in einer einzigen Finanzoperation, 2,5 Mio. Dollar verloren.

Zeitverzögerte Attacke. Viganò hatte seine Brandbriefe vergangenes Jahr verfasst. Den Medien zugespielt wurden sie erst jetzt. Irgendjemand im Staatssekretariat – Eingangsstempel belegen die vatikanische Spitzenbehörde als Quelle – hatte gerade jetzt offenbar ein Interesse daran. Aber weshalb? Klar, hieß es sofort und einstimmig: Das war eine Attacke auf den Kardinalstaatssekretär persönlich. Der lange aufgestaute Unmut über Tarcisio Bertone hatte sich offenbar Bahn gebrochen; seine Gegner wollten den fast 78-Jährigen in Pension sehen.

Tarcisio Bertone, das war Joseph Ratzingers „Mann fürs Grobe“ in der Glaubenskongregation. 2006 wechselte er als Benedikts Vertrauensmann an die oberste Spitze des kurialen Behördenapparats. Dort kamen zwei Sachen zusammen. Zum einen Benedikts ungeschicktes Händchen beim Personal, zum anderen der Dünkel einer Behörde, deren Spitze traditionell aus der hohen Schule der vatikanischen Diplomatie kommt und gegenüber welcher dem Theologen Bertone nicht nur der vertraute „Stallgeruch“, sondern auch jedwedes Gespür für politisches Handeln fehlte. Bertone sei und bleibe, so hörte man in seinen eigenen Hallen schon sehr früh, ein „Dummkopf“.

So gestimmt, registrierte man im Vatikan jedes Fettnäpfchen, an dem Bertone nicht vorbeikam. Die Reisen, die er machte, als sei er eine Art Zweitpapst; die Personalpolitik, die Bertones eigenem Orden, den Salesianern Don Boscos, in auffälliger Weise zugute kam; die Verwicklungen in die staatliche italienische Politik, zu welcher Bertone höchstselbst die Kontakte pflegen wollte – was die Bischofskonferenz als Misstrauensvotum und als Entmachtung auffasste und was die Kurie in starkem Maße italianisierte, das heißt vor dem Horizont einer Weltkirche: provinzialisierte.

Gigantisches Finanzprojekt. Überhoben hat sich Bertone am Ende aber mit einem gigantischen Finanzprojekt: Der Vatikan, so meinte er Ende 2011, solle das Universitätsklinikum San Raffaele in Mailand übernehmen, das von einem eigenwilligen Priester, Luigi Verzé, über fünf Jahrzehnte hinweg privat aufgebaut worden war und nun unter einer Milliarde Euro Schulden zusammenzubrechen drohte.

Um einen „vatikanischen Pool exzellenter Großkliniken“ zu formen, verlangte Bertone auch den Zugriff auf jene kirchliche Holding, zu welcher das Gemelli-Spital in Rom gehört. Nur einer stand Bertone dabei im Weg: Der Mailänder Kardinal Dionigi Tettamanzi. Er sah sich recht harschem Ton ausgesetzt und – laut Bertone – „auf Wunsch des Papstes selbst“ gedrängt, den Vorsitz in jener Holding abzugeben. Ein Tettamanzi aber, der früher einmal schon selbst damit gerechnet hatte, Papst zu werden, ließ sich nicht so einfach hinauswerfen. Er unterrichtete BenediktXVI. über „den wahren Sachverhalt“, bekam seine Privataudienz – und behielt den Posten. Auch Tettamanzis Brief an den Papst, der Protest gegen Bertone, ist öffentlich geworden. Er aber trägt keinen Eingangsstempel des Staatssekretariats; wahrscheinlich hat der Absender auf direktem Wege dafür gesorgt, dass die Medien ihn bekamen.

Tettamanzi ist zwar inzwischen in Pension, aber den Vorsitz der Gemelli-Holding hat trotzdem nicht Bertone geerbt, sondern der neue Mailänder Kardinal Angelo Scola – und damit haben die vatikanischen Indiskretionen eine weitere Richtung genommen. Denn Bertone, der sich seit seiner Niederlage gegenüber Tettamanzi in den Augen des Papstes selbst beschädigt sieht, muss den Aufstieg Scolas mit Misstrauen beobachten: Scola nämlich, bisher Patriarch von Venedig, gilt als einer der wenigen italienischen Bischöfe, die einen unmittelbaren Zugang zu BenediktXVI. haben – und als einer der stärksten Anwärter auf den Papstthron selbst.

So ist ein krudes Dokument aufgetaucht, das Scola in Misskredit bringen soll. Benedikt habe sich mit dem Mailänder Kardinal verständigt, dass dieser sein Nachfolger werden solle; er habe Scola „nach Mailand gerufen, damit dieser sich dort in aller Ruhe auf das Papstamt vorbereiten kann”. So steht es in einem wirren, kurioserweise auf Deutsch verfassten „Protokoll“, das auf Plaudereien eines anderen Kardinals beruhen soll. Die Konstruktion ist derart aberwitzig, dass Vatikansprecher Federico Lombardi sie mühelos als „halluzinativ“ verwerfen konnte – aber sie ähnelt sprachlich und dramaturgisch verblüffend stark einem anderen Papier, das im Sommer 2009 eine fatale Geschichte auslöste.

Anonymes Pamphlet. Damals wurde einer der stärksten Medienleute der italienischen Kirche weggemobbt: Dino Boffo, Chefredakteur der bischöflichen Tageszeitung „L'Avvenire“. Er hatte es gewagt, Silvio Berlusconis Frauenaffären – wenn auch in relativ zarten Worten – zu kritisieren. Boffo, so stand kurz danach in einem anonymen Pamphlet, das sich auf ominöse Gerichtsakten bezog und von derselben Zeitung veröffentlicht wurde, welche später auch die anonymen Artikel gegen Sparkommissar Viganò druckte, sei nicht nur schwul, sondern habe auch versucht, einer Kollegin den Ehemann auszuspannen.

Dass das blühender Unsinn war, stand fest, doch die Bischofskonferenz konnte und wollte Boffo nicht halten. Er musste gehen. Aber was hat das mit Bertone zu tun? Ganz einfach: Weder im Vatikan noch außerhalb ist der Kardinalstaatssekretär bisher den Verdacht losgeworden, er selbst sei – in irgendeiner Weise – hinter der Intrige gegen Boffo gestanden.

So zieht die eine Seilschaft in der Kurie gegen die andere zu Felde. Und Benedikt? Der „milde Hirte“ spricht kein Machtwort, auch wenn seine Hauszeitung das ankündigt. Er spricht höchstens durch die Blume. Als er zu Beginn der Fastenzeit die Priester der Diözese Rom empfing, verurteilte er jene „Geltungssucht, die gegen einen selbst gerichtet ist und unglücklich macht“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.04.2012)