Karl Sigmund: Der Mann sitzt nicht im Elfenbeinturm

Austria '06. Der Mathematiker Karl Sigmund - Kandidat als "Österreicher des Jahres".

Hoch oben, in den lichten Räumen der Uni-Neubauten an der Althanstraße in Wien-Alsergrund, sitzt Karl Sigmund an seinem locker mit Papier bedeckten Schreibtisch - und kann, wenn er will, auf den von Friedensreich Hundertwasser verzierten Schlot des Fernheizwerks schauen. Passend dazu hängen an den Wänden die alten Hundertwasser-Plakate gegen das Kraftwerk Hainburg, gegen Atomkraft.

Er sei heute kein Grüner im strengen Parteien-Sinn, betont Sigmund, aber zur Atomkraft habe er sich seine Skepsis bewahrt: "Ich sehe das eher als soziales Problem: Ich kann mir keine Gesellschaft vorstellen, die so dauerhaft ist, dass die Endlagerung des Atommülls sicher ist."

Die Beständigkeit von Gesellschaften, das könnte man sich durchaus als Thema für Sigmund vorstellen, der sich mit mathematischen Methoden weit in Bereiche des Lebens und sogar der Kultur und Wirtschaft vorwagt. Nach frühen Arbeiten über statistische Ensembles - wie sie in der Wärmelehre eine große Rolle spielen - wandte er sich vor fast 30 Jahren der Spieltheorie zu.

Dieses Gebiet der Mathematik wurde 1928 von John von Neumann begründet - zunächst um tatsächlich Gesellschaftsspiele zu analysieren. Doch nicht nur in "echten" Spielen entsteht aus einem begrenzten Set von Regeln - man denke nur an Schach - eine große Menge an Strategien und Szenarien, die man besser versteht, wenn man einfach ein paar Runden spielen lässt, was heute der Computer besorgt. In einem spieltheoretischen Modell ist meist auch eine "Auszahlungsfunktion" definiert: Bei wirtschaftlichen Problemen wird das oft tatsächlich finanzieller Gewinn sein, bei Fragen der Biologie oft der "Fortpflanzungserfolg", also die Anzahl von Nachkommen, die in die nächste Runde (= Generation) gehen.

Es war ein biologisches Problem - mit Falken und Tauben, beschrieben in Richard Dawkins' Klassiker "Das egoistische Gen" -, das ihn erstmals auf die Spieltheorie brachte, erzählt Sigmund: "Dawkins hat mich entscheidend geprägt." Die Evolutionstheorie freilich hatte ihn schon lange vor seinem Studium fasziniert: "Mit 13, 14 entdeckte ich ein kleines, blaues Büchlein: Charles Darwins ,Abstammung des Menschen`, aus dem der Herausgeber vorsorglich das Kapitel über die sexuelle Selektion gestrichen hatte. Ich bin aus einer katholischen Familie und habe früh gemerkt: Einige meiner Verwandten stört das ziemlich, dass wir Menschen von Affen abstammen. Das hat mich natürlich erst recht gereizt ..."

Sigmund selbst nennt sich Agnostiker, im Gegensatz zu seinem vielleicht erfolgreichsten Schüler und Mitarbeiter Martin Nowak - derzeit in Princeton -, der praktizierender Katholik ist. Die weltanschaulichen Unterschiede haben die beiden nicht davon abgehalten, gemeinsam bahnbrechende spieltheoretische Modelle der Kooperation zu entwickeln: für Bakterien und Tiere, aber auch für Menschen. Typische Fragen sind: Wie entsteht altruistisches Verhalten? Unter welchen Bedingungen kann es sich in Populationen gegen egoistisches Verhalten durchsetzen? Wie nützlich dabei sind Strafen? Wie entsteht Fairness? Hilft Kooperativität einer Population gegen andere?

"Es könnte in Zukunft einen mathematischen und einen experimentellen Zweig der Ethik geben", meint Sigmund. Ihn begeistert an der Mathematik, dass "man so leicht und locker von einem Gebiet ins andere kommt - und das mit leichtem Gepäck. Es ist wunderbar: Wir Mathematiker können in "Animal Behaviour" genauso publizieren wie in "Financial Analyst". Von "angewandter Mathematik" will er bei seiner Forschung doch "nicht unbedingt" sprechen. Bescheiden meint er: "Wirklich Nutzbringendes, wofür die Leute zahlen würden, habe ich noch nicht zuwege gebracht."
Dass Karl Sigmund dennoch die Geisteswissenschaft hoch zu schätzen weiß, dafür sorgt schon seine Frau: Anna Maria Sigmund ist Historikerin und hat mehrere Bestseller ("z. B. "Die Frauen der Nazis") veröffentlicht. Sein breites Interesse prädestiniert Sigmund für kooperative Ämter: Er ist u. a. Mitherausgeber von sieben Zeitschriften, Wirkliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften, Vizepräsident des Wissenschaftsfonds. Und auch mit der Gestaltung von Ausstellungen - 2001 über die Emigration österreichischer Mathematiker vor dem Anschluss, 2006 über Kurt Gödel - hat er gezeigt, dass die Mathematik für ihn kein von der Gesellschaft isolierter Elfenbeinturm ist.

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