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Wer ungehorsam ist, soll auch belohnt werden

Das Testspiel am Karfreitag trug die Eishockey-Nationalmannschaft zwar ohne Zuschauer aus, aber sie fiel irgendwem da oben offenbar total positiv auf.

Das Match österreichische katholische Kirche gegen Österreichischen Eishockeyverband endete 1:1. Das Testspiel am Karfreitag gegen Weißrussland in einer leeren Halle von Villach ging allerdings 2:3 verloren. Denn einem Kärntner Landesgesetz zufolge sind an diesem Tag im Kirchenjahr öffentliche Veranstaltungen mit Zuschauern verboten. Der Bürgermeister der Eishockey-Stadt Villach stufte seine Pflicht als Christenmensch höher ein als die Solidarität mit der Eishockey-Nationalmannschaft und deren Vorbereitung auf die B-WM. Erstaunlich ist weniger die Existenz derartiger Vorschriften, sondern die Reformbewegung der Kirche. Immerhin hat auch Papst Benedikt XVI. in einer Ansprache vor dem Ländermatch zugegeben, dass „die Trägheit der Institutionen mit drastischen Mitteln in Angriff zu nehmen“ sei, „um neue Wege zu öffnen und die Kirche wieder auf die Höhe des Heute zu bringen“.

Zugegebenermaßen hat er damit nicht die Karfreitagspartie, wohl eher die ungehorsamen Untergebenen um Pfarrer Schüller gemeint. Der Eishockeyverband kann sich freilich, wie jeder Sünder, angesprochen fühlen. Wer, wenn nicht der in die B-Gruppe abgerutschte ÖEHV muss zu „drastischen Mitteln“ wie dem Vorbereitungsmatch am Karfreitag greifen, um sich „wieder auf die Höhe des Heute zu bringen“.

Das Landesgesetz stammt offenbar aus einer Zeit, als die Kirche noch „die ganze Fülle der höchsten Gewalt“ (1, Vatikanisches Konzil, 1870) über die Kärntner innehatte, lang vor der Ankunft von KAC und VSV, den wichtigsten Beiträgen des Bundeslandes zur österreichischen Alltagsliturgie. Der Feiertag ist längst ein Tummelplatz für den sportlichen Wettkampf. In Niederösterreich wurden schon vor 45 Jahren die Spiele zur Landes-Jugendmeisterschaft im Kicken am Sonntagvormittag ausgetragen. Zum händeringenden Entsetzen der Verwandten, die wahrscheinlich in der Sonntagsmesse dem Seelenheil der Fratzen eine stille Zusatzfürbitte widmeten. Ob die Kirchenbesucher durch die Irrungen ihrer Nachkommen im Glauben bestärkt wurden, ist anzunehmen, die Karriere der Jungkicker erfuhr durch das Versäumnis der Sonntagsmesse jedenfalls keine besonderen Nachteile.

Die beinahe göttliche Ratschluss, das Spiel zwar unter Ausschluss der Zuschauer, jedoch nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit auszutragen, kam schließlich von oben. In Form einer Live-Übertragung im ORF. Nicht zufällig tritt die Fernsehanstalt seit kurzem ebenfalls in dreifacher Gestalt auf. Und in ORF III, der dritten, quasi der den irdischen Dingen am nächsten stehenden Person, lief das Spiel vor aller Augen ab.

Zweifler mögen darin einen pharisäerhaften Kompromiss zwischen Kirche, Gesetz und „Heute“, zwischen Zuschauerausschluss und Live-Zuschauen sehen. Aber schon das der Karfreitagniederlage folgende Wiederholungsspiel am Karsamstag, auch genannt Osternacht, gegen die Weißrussen wurde auf beinahe wundersame Weise 4:2 gewonnen. Nicht, was man gemeinhin unter Auferstehung im Religionsunterricht lernt, andererseits auch kein Ereignis, das sich mit Menschenwerk allein erklären ließe.

Vielleicht ist ja der Ungehorsam gegen Gesetze und Hierarchien kein so schlechter Ratgeber, ein vor rund 2012 Jahren geborener Religionsgründer hat ihn jedenfalls konsequent gelebt. Insofern sind der ÖEHV und seine Nationalmannschaft quasi Jünger. Die B-WM wird zeigen, was sie daraus machen. Benedikt XVI. würde das mit den „neuen Wegen“ anders ausdrücken, in heutiger Sprache heißt es kurz und bündig:

ORF locuta, causa aperta.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.04.2012)