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Die Goldreserven sind nicht mehr als ein Mythos

Österreich bunkert – wie auch Deutschland und die Schweiz – Goldreserven im Ausland. Im Krisenfall beruht der Zugriff darauf auf dem Prinzip Hoffnung.

 

Sie taucht ebenso verlässlich regelmäßig auf wie das Ungeheuer von Loch Ness: die Frage, wie es denn mit unseren Goldreserven ausschaut, und vor allem, wo die Barren denn zu finden wären, wenn man sie brauchte. Zuletzt wieder in Form einer parlamentarischen Anfrage der FPÖ.

Interessant ist da freilich hauptsächlich, dass die österreichische Nationalbank – im Gegensatz zu ihrem deutschen Pendant – extreme Geheimniskrämerei betreibt. Sie sagt weder, wo das Gold lagert, noch, wie viel von den ausgewiesenen neun Millionen Feinunzen an Goldreserven auf physische Reserven und wie viel auf Goldforderungen entfällt.

Das ist nämlich in der Statistik in einem Punkt zusammengefasst. Die Behauptung, ein Hunderter in der Brieftasche und ein Hunderter, den man verliehen hat, seien, wenn man das Geld braucht, das Gleiche, müsste zwar auch dem Hausverstand von Notenbankern widersprechen, aber Hausverstand ist klarerweise keine währungspolitische Kategorie. Da haben die Ökonomen, die uns ja auch immer wieder erklären, man könne einen Staat eben nicht wie eine schwäbische Hausfrau ihren Haushalt führen, schon recht.

Und: In diesem Fall macht es wirklich keinen großen Unterschied. Wenn es hart auf hart geht, haben wir nämlich gar keine Goldreserven. Sondern nur Forderungen. Denn der Zugriff auf im Ausland gelagertes Gold ist im Krisenfall (und nur dann braucht man es ja physisch) davon abhängig, ob das Lagerland auch darauf zugreifen lässt. Und ein Großteil der heimischen Goldreserven dürfte, auch wenn die Notenbank nicht exakt sagen will, wo, in ausländischen Goldkellern liegen. Wie im Übrigen auch die Goldvorräte der Schweiz und Deutschlands, die in demselben Dilemma stecken. Auch dort bricht übrigens regelmäßig die Diskussion darüber aus, ob das sonderlich gescheit ist.

Der größte Teil der Goldvorräte der Welt lagert in den Kellern der Federal Reserve of New York in Manhattan. Dort haben 60 Länder große Teile ihrer Reserven gebunkert, darunter Deutschland, die Schweiz und wohl auch Österreich. Dieser riesige Barrenspeicher im Land Dagobert Ducks hat Gerüchte genährt, die USA hätten sich de facto die Goldreserven der Welt unter den Nagel gerissen. Das ist in der derzeitigen Konstellation klarerweise Unsinn, denn natürlich haben die Notenbanken ungehindert Zugriff. Ob das bei einem Zusammenbruch des Weltwährungssystems (und nur dann braucht man das Gold physisch wirklich) auch noch gilt, ist allerdings eine Zwölferfrage, auf die man nicht zu hohe Beträge wetten sollte.

Manche Staatenlenker wissen das: General de Gaulle hat in der Nachkriegszeit die Goldreserven seines Landes per Kriegsschiff in die Grande Nation zurückgeholt. Der venezolanische Präsident Chávez, der mit den Yankees ja beträchtlich über Kreuz liegt, hat die Barren seiner Notenbank vorsichtshalber erst kürzlich heimschaffen lassen. In Mitteleuropa sieht man dafür keine Notwendigkeit.

 

Das mag damit zusammenhängen, dass die Bedeutung der Goldreserven in Friedens- und Boomzeiten nicht weit über den Status einer Zeile in der Notenbankstatistik hinausreicht. Und längerfristig denken Politiker ja nicht. Sonst hätte Österreich nicht fast ein Drittel seiner Reserven ausgerechnet in den Jahren 2000–2006 verklopft. Zielsicher zu Tiefstkursen, wie sie in den vergangenen dreißig Jahren nicht oft auf den Finanztickern zu sehen waren.

Das meiste davon – zwei Millionen Feinunzen, die heute 3,2 Milliarden Dollar wert wären – übrigens in den Jahren 2000 und 2001. Damals hat der unschuldigste Finanzminister aller Zeiten Cash für das Herbeitricksen seines sogenannten Nulldefizits gebraucht und zu diesem Zweck nicht nur ein paar Sozialtöpfe, sondern auch den Goldspeicher der Notenbank abgeräumt.

Und die Nationalbank hat brav geliefert. So viel zur Unabhängigkeit von Notenbanken. Ist aber auch egal: Die Goldreserven sind, wie gesagt, ein Mythos. Derzeit brauchen wir sie physisch nicht. Und wenn wir sie einmal brauchen – ja, dann müssen wir auf die Seriosität der Lagerländer hoffen. Heimholen ist offenbar kein Denkmodell. Seite 1

 

E-Mails an: josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.04.2012)

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