"WM bringt keinen Konjunkturschub"

Experten-Streit. Milliardeninvestitionen, Millionenbesucher: Tropfen auf den heißen Stein?

Berlin. Gerne wurde die Fußball-Weltmeisterschaft in den vergangenen Wochen als wirtschaftliches Wunderheilmittel dargestellt. Die angeschlagene deutsche Wirtschaft erhofft sich einen "Kick", im wahrsten Sinne des Wortes. Den hat ihr Franz Beckenbauer, Chef des WM-Organisationskomitees, auch versprochen, als er eine mögliche wirtschaftliche Wende durch das Großereignis heraufbeschwörte.

Dazu werde die WM, die heute, Freitag, in München angepfiffen wird, nicht beitragen. Zu diesem ernüchternden Schluss kommt jedenfalls eine Studie des renommierten Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Damit widerspricht das Institut nicht nur Beckenbauer und Co. Schon zuvor überschlugen sich Experten regelrecht in Optimismus. Bis zu 0,5 Prozent würde sich das Wirtschaftswachstum erhöhen, sagte etwa die Postbank - ein Sponsor der FIFA-Veranstaltung - voraus. 0,3 Prozent prognostizierten andere Experten. Zu verdanken wäre das den hohen Investitionen, die der Postbank zufolge sechs Mrd. Euro ausmachten.

Das DIW relativiert. Die Investitionen seien bereits über Jahre hinweg getätigt und abgeschlossen worden. Wirtschaftliche Impulse "waren nicht sichtbar". Das liege daran, dass die Summe von sechs Mrd. im Vergleich zu allen in Deutschland getätigten Investitionen in Höhe von 384 Mrd. Euro verschwindend klein ist. Auch in Relation zum Bruttoinlandsprodukt von 2,06 Billionen Euro. Zudem können Infrastrukturinvestitionen, etwa der Straßenausbau, nicht allein der WM zugerechnet werden. David Milleker von der Dresdner Bank, meint gar: "Wir reden von einem Tropfen auf den heißen Stein."

Große Hoffnung bereiten die über eine Million Besucher aus aller Welt. Gert Ahlert von der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung in Osnabrück rechnet mit einem Anstieg des Konsums von 1,8 Mill. Euro.

Eine orthodoxe Schätzung der Mehrausgaben von Carsten-Patrick Meier von der Kölner Kiel-Universität geht von einer bis maximal zwei Mrd. Euro aus. "Etwa 0,1 Prozent Wachstum. Ein ganz kleiner Impuls", meint Meier im "Presse"-Gespräch. Das sieht auch das DIW so. Bei ähnlichen Großveranstaltungen, etwa der WM 1998 in Frankreich, seien Tourismusausgaben übers Jahr gerechnet nicht aus dem Rahmen gefallen. Der Grund seien "Verdrängungseffekte". Die WM führe dazu, dass "andere Touristen wegbleiben - etwa weil sie Preiseffekte durch das Ereignis fürchten".

Vermutlich würden mehr Waren gekauft, die mit der WM in Verbindung stehen, schreiben die DIW-Forscher. "Aber ob die Kunden mehr zu Backwaren greifen, weil sie nun Weltmeisterbrötchen heißen, ist eher zweifelhaft." Gewinner könnten einzelne Zulieferer, darunter auch österreichische Firmen - wie Siemens Österreich, Strabag, Zumtobel und Skidata - sein. Volkswirtschaftlich ist jedoch nur entscheidend, ob der Konsum insgesamt steigt. Der soll in Deutschland heuer, vor allem im zweiten Halbjahr, tatsächlich anziehen. Was dann allerdings nichts mit der Fußball-WM zu tun habe, sondern mit Vorzieh-Käufen aufgrund der ab 2007 erhöhten Mehrwertsteuer, so das DIW.

Immerhin diene die WM den Deutschen als Image-Politur. Diese Außenwerbung könnte aber auch gehörig misslingen, warnen die DIW-Experten: "Wenn rechtsradikale Gruppen oder Hooligans die WM als Bühne missbrauchen."

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