Von der Altmeister-Pose zur frechen Pop-Art

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Wolter, Kainz, Minichmayr: Eine Ausstellung von Wien Museum und Burgtheater beleuchtet den Starkult im Wandel der Zeit. Mit dem Resümee: Burgschauspieler waren immer schon etwas ganz Besonderes.

Was macht einen Burgschauspieler aus? Warum umgibt diese Musendiener so ein merkwürdig hypertropher Nimbus? War das schon immer so? Mit diesen und anderen Fragen befasst sich eine Ausstellung in der Hermesvilla.

Kuratorin Alexandra Hönigmann-Tempelmayr, Historikerin, versammelt Gemälde, Bücher, markante Zitate und erzählt die Kulturgeschichte einer seit jeher besonderen Zunft. An ihrer Wiege standen die Aufklärung und der Nationalismus. Europas Kultur dominierten Frankreich und Italien, französisches Schauspiel, italienische Oper gab es selbstverständlich auch in Wien. Kaiser Joseph II. wollte das deutsche Element stärken – als eine Art „Leitkultur“ im Vielvölkerstaat der Donaumonarchie. Das ging am besten über die Sprache. Aber die vazierenden Stegreiftruppen waren dafür natürlich nicht edel genug.

Mimen wie Feldherren verewigt

Also wurde in der notorisch von Bühnenpleiten geplagten Reichshaupt- und Residenzstadt das Theater nächst der Burg zum „Teutschen Nationaltheater“ respektive Burgtheater erhoben. Das geschah 1776, die Amerikaner erklärten ihre Unabhängigkeit, in Wien wurde ein wichtiges Theater eröffnet. Die neue Bühne unterstand dem Hof, ihre ersten Regenten aber waren die Schauspieler.

Sie genossen höchste Verehrung in allen Gesellschaftsschichten – und wurden wie Adelige und Feldherren in Öl verewigt. Die Namen der ersten Damen und Herren des Burgtheaters sind heute überwiegend vergessen wie ihre Maler – die altmeisterlichen Posen, die sie einnehmen, zeigen den Personenkult, den sie etablierten – und der bis heute gültig ist.

Die Bedeutung, die auf Sprache, hehres Auftreten, den Dienst am Wahren, Guten und Schönen gelegt wurde, bemäntelte die Tatsache, dass die Zensur jedes Wort bewachte, das auf der Bühne fiel. Die Moderne hatte es schwer in Wien. Umso begeisterter stürzte sich das Publikum auf seine „Schauspielgötter“. Aus dem 19. Jh. sind bereits viele Namen geläufig: Adolf von Sonnenthal, das Ehepaar Gabillon, Joseph Lewinsky, Charlotte Wolter – das berühmte Gemälde Makarts, der sie als Messalina abbildet, ist in der Hermesvilla zu sehen – und der hellste aller Sterne, Josef Kainz, betraten mit Aplomb die Szene und behaupteten sich über Jahrzehnte.

Burgschauspieler prägten die Mode und waren Objekte der Begierde. Die erstaunliche Kontinuität des Ensembles, die den Schriftsteller und Kritiker Hermann Bahr erfreute, hatte auch Nachteile: Die Mimen blieben oft viel zu lang in ihren „Fächern“, jugendliche Naive und ebensolche Helden spielten diese auch noch in fortgeschrittenem Alter. Gerhard Klingenberg, Burgtheater-Direktor von 1971 bis 1976, prangerte in seinen Büchern die Fortschrittsfeindlichkeit der Burg an, die sich an Historiendramen und leichte Kost hielt, halten musste, auch aus politischen Gründen. Im Habsburgerreich hörte man Sätze wie Marquis Posas „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!“ nicht gern. Pathos war aber durchaus gefragt.

Verehrung und Kulturkampf

Theatralische Ausmaße nahm auch die Begeisterung des Publikums an, das auf der vierten Galerie lärmte, seine Lieblinge hervorrief, Dacapo forderte, Devotionalien jagte und sogar die Pferde ausspannte, um den verehrten Mimen mit eigener Körperkraft heimzubringen. Die Wiener Theaterbegeisterung lässt oft vergessen, dass das Burgtheater auch Schauplatz veritabler „Kulturkämpfe“ mit mehr oder weniger dramatischem Hintergrund war, am heftigsten vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Viele Künstler waren jüdischer Herkunft. Die Polarisierung zwischen Vertriebenen und Verbliebenen prägte das Burgtheater nach dem Zweiten Weltkrieg. Später bekämpften einander deutsche und österreichische Schauspieler.

Burgtheater-Direktoren waren seit jeher impulsiv Leidende, das hat nicht erst Claus Peymann erfunden, der sich seinerseits gern mit Heinrich Laube (1806–1884) verglich. Eine nicht zu unterschätzende Qualität des „Teatro Stabile“ Burg war der sich mehr und mehr etablierende professionelle Probenbetrieb. Dilettantismus war verpönt. An der Wiege dieser Entwicklung stand Joseph Schreyvogel, der die Burg von 1814 bis 1832 leitete und sich aufrieb in seinem Kampf gegen die Zensur und für Reformen. 1888 übersiedelte die Burg vom Michaelerplatz ins Haus am Ring und gleich gab es wieder großes Gejammer: Die neue Riesenbühne hatte nach Ansicht vieler Künstler eine katastrophale Akustik, man konnte nichts verstehen. Heute versteht man die Schauspieler trotz „natürlichen“ Spiels – ohne an der Rampe zu orgeln, was immer häufiger Mikroports zu verdanken ist, deren Technik ständig verfeinert wird.

Maertens nackt in der Schlinge

In der Ausstellung werden sehr schön die Veränderungen und Verwerfungen in der Kunstgeschichte deutlich gemacht: Zwischen dem berühmten Kainz-Gemälde von Wilhelm Viktor Krausz („Richard II.“) und Carry Hausers Porträt Alexander Girardis liegen Welten, obwohl sie im Abstand nur weniger Jahre entstanden sind. Um Girardi (1850–1918) entzündete sich eine der periodischen Burgtheater-Debatten, die später z. B. auch um Fritz Muliar geführt wurden: Darf ein Volksschauspieler ans Burgtheater? Girardi schaffte es erst kurz vor seinem Tod. Den richtigen stilistischen Erdrutsch allerdings verursachte nach der alten Burg-„Ehrengalerie“ die unter Klaus Bachler begonnene „Neue Porträtgalerie“. Das Grundformat aber, Abbildung von Idolen, blieb durchaus intakt.

Die höchst originellen Bilder sind die tollsten Hingucker: Birgit Minichmayr als klassischer Rückenakt von Lucy McKenzie, Nicholas Ofczarek, auf einem Mülleimer in Unterhosen von Erwin Wurm. Michael Maertens räkelte sich für Maria Hahnenkamp sogar nackt in einer Leintuchschlinge und Gert Voss blickt grimmig aus einer Art Sadomaso-Werkstatt von Gregor Zivic.

Auf einen Blick „Burg Stars“ illustriert 200 Jahre Kult und Kulturgeschichte rund ums Burgtheater, Burgschauspieler lesen in der Hermesvilla

Kaiser Franz Joseph wollte seine reisefreudige Frau Elisabeth bei sich behalten und ließ ihr darum inmitten des kaiserlichen Jagdgebietes im Lainzer Tiergarten die Hermesvillaerbauen – im Stil eines südlichen Herrschaftssitzes.
Das bezaubernde Anwesen kann man von der U4 in Hietzing mit den Linien 60 und 62 bzw. 60 B erreichen und den Besuch bei den „Burg Stars“ mit einem Ausflug ins Grüne verbinden.
Die Ausstellung zeigt Gemälde der Publikumslieblinge von einst und jetzt - u. a. von Künstlern wie Ferdinand Georg Waldmüller, Hans Makart, Carry Hauser, Erwin Wurm oder Elke Krystufek.
Ferner zu sehen: Dokumente, Totenmasken, Erinnerungsobjekte.
Wie sich die Kunst der Burgschauspieler verändert hat, kann man in den nächsten Wochen in der Schau aber auch live studieren: „Dorian Gray“ Markus Meyer liest aus Briefen des jungen Josef Kainz (15. 4.), Dorothee Hartinger nähert sich am 13. Mai der Ikone Charlotte Wolter,
Ignaz Kirchner am 17. Juni den „Calamitäten“ des Burgtheaters, die Hugo Thimig in seinen legendären Tagebüchern notierte.
Rudolf Melichar nimmt sich am 8. Juli der Briefe Franz Josephs an Katharina Schratt an.
Führungen gibt es jeweils Sonntag und an Feiertagen um 14 Uhr.
Die Ausstellung ist Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr geöffnet und läuft bis
4. November 2012
Eintritt: Erwachsene: sechs Euro, Kinder und Jugendliche unter 19 Jahre: Eintritt frei, detto für alle an jedem ersten Sonntag im Monat.


Weitere Informationen:
Tel.: +43/0)1/505 87 47-85173 oderwww.wienmuseum.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2012)

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