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Stefan Diez: Design mit Wirkversprechen

Material, Form, Prozess, Stückzahlen, emotionale Werte: Der Designer Stefan Diez formuliert daraus für große Marken immer wieder eine völlig neue Möbel-DNA.

Technologie und Humor sind nicht immer ein Paar. Für den Designer Stefan Diez gehören sie trotzdem zusammen. Beide sind unerlässlich für die Leichtigkeit seiner Entwürfe, die er in seinem Münchner Studio tüftlerisch auf die Welt bringt. Aber ja nicht verbissen, sondern mit einer virtuosen Lässigkeit. Dabei entstehen Produkte, vor allem Möbel, die das Zeug haben, ihre Umgebung zu beeinflussen – für große deutsche und internationale Hersteller. Thonet ist darunter, auch Wilkhahn, Schönbuch, Flöttoto, E15 oder Moroso. Im Gespräch mit dem „Schaufenster“ erklärt Diez, warum Design doch keine Architektur im Kleinen ist. Und warum ihn die „Jeder ist Designer“-Welle völlig kalt lässt.

Was Architektur für das Wohlfühlen leistet, scheint klar. Was kann da das Möbeldesign leisten?  

Möbel und Accessoires beeinflussen natürlich letztendlich das Wohlbefinden der Anwesenden im Raum. Ich spüre es ja an der eigenen Haut. Wenn die Dinge um mich herum nicht reflektieren, was ich glaube zu verkörpern oder was mir wichtig ist, dann fühle ich mich extrem unwohl. Lieber habe ich das Ding nicht, bevor es mir gegen den Strich geht. Außerdem machen die meisten Leute sowieso den Fehler, dass sie sich viel zu viel Zeug zulegen. Die Kunst ist, sich auf die wichtigen Dinge zu konzentrieren. 
 
Also Architektur und Design treffen sich im Raum. Wo treffen sie sich noch, vor allem inhaltlich? 

Es gibt Überschneidungsbereiche, natürlich. Aber die Gesetze, nach denen Produkte und Architektur gestaltet werden, sind andere. Architektur ist ja auch immer eine Einzelanfertigung, meist aus vorproduzierten Einzelteilen, die dann zu einem Ganzen komponiert werden. Designer wie ich sehen das Objekt als Ganzes. Außerdem sind wir sogar in der Lage, eigene Werkzeuge zu kreieren, die sich dadurch rentieren, dass man ein Produkt oftmals herstellt.  Unsere Domäne als Industriedesigner ist die Innovation. Im Material, in der Oberfläche, in der Form, im Prozess. Vor allem der Prozess der Herstellung ist für uns elementar wichtig. Da spielt natürlich schlussendlich auch der Preis eine Rolle, zu dem man die Produkte schließlich verkaufen kann. Aber es geht nicht nur um technische Innovation. Es kommt auch darauf an, welche Wirkung, welchen Einfluss man auf den Raum erzeugt.

Inwiefern? 

Schauen Sie, wir suchen Ideen, die uns zu einem Möbel mit einer neuen DNA verhelfen. Eine Form von Reinrassigkeit, wenn Sie so wollen. Von so einem Möbelstück geht ein Einfluss aus, eine Wirkung auf den Raum und die Umgebung. Wenn ich mir dieses Ding kaufe, wird es einen Einfluss darauf haben, welchen Teppich ich mir dazu aussuche etc. Um diese Kristallisationskerne baut sich ein ganzes Universum auf. Das ist mein Anspruch an ein gutes Möbel. Es muss einen Rhythmus entfalten, dem Raum eine Tonalität vorgeben.

Ein aktuelles Projekt von Ihnen sind die Gartensofas für Gandia Blasco. Sind Außenmöbel Ihrer Meinung nach schlicht Innenmöbel für außen?


Ich glaube, dass dieser aktuelle Trend, dass man Außenmöbel wie Innenmöbel gestaltet, völliger Quatsch ist. Außenmöbel benutzt man völlig anders, auch die Verfassung, in der man draußen sitzt, ist eine ganz andere. Genauso wie der Platzbedarf. Draußen ist nicht drinnen. Deshalb müssen auch die Dinge für draußen anders entworfen sein.  

Gut, Möbel sollten der Welt neue funktionale Werte schenken. Wie sieht’s aus mit emotionalen Werten? 

Ich glaube, dass wir anfangen, Objekte gern zu haben oder zu lieben, wenn sie einer gewissen Logik oder Ordnung folgen. Wenn man sie versteht und wenn sie einer persönlichen Überzeugung entsprechen. Ich glaube, darin besteht auch die Kunst beim Möbelentwerfen, dass man versucht, sie so klar wie möglich zu skizzieren oder zu formulieren. Es geht nicht darum, ob ein Möbel ornamental ist oder nüchtern. Schlimm ist nur, wenn die Dinge durcheinandergeraten. Deshalb kann ein Jean-Nouvel-Möbel genauso interessant sein wie eines von Patricia Urquiola. Selbst wenn die Zugangsweisen ganz unterschiedlich sind. 

Weil wir bei den Namen sind. Wie wichtig ist Ihnen, dass Ihr Name unter Ihrem Entwurf steht? Oder wäre es vorstellbar, sich ganz in die Anonymität zurückzuziehen? 


Ganz anonym? Dann wäre es nur noch reines Dienstleistungsdesign. Wir haben eine andere Herangehensweise. Denn wir leisten uns als Designer ja eine Meinung. Zu der stehen wir, und die vertreten wir mit unseren Produkten. Das gehört zur Qualität, die uns ausmacht. Im Prinzip funktioniert der Entstehungsprozess eines Möbels durch das Zusammenspiel zweier Marken, dem Hersteller, einer Brand. Und dem Designer, der ja auch so etwas ist wie ein Marke. Zumindest schafft er über die Jahre auch eine Kollektion. Und hinter dem Namen, auch hinter meinem, steckt ein gewisses Versprechen, das ich einlösen muss. Für das Endergebnis des Produktes sind dann beide Seiten gemeinsam verantwortlich.

Arbeiten Sie eher wie ein chaotischer Garagentüftler oder ein  geordneter Laborarbeiter?

Na ja, aufgeräumt sieht’s bei uns im Studio nie aus. Aber es gibt auch eine positive Art von Unordnung, die widerspiegelt, an welcher Position des Gestaltungsprozesses man sich gerade befindet. Wenn Sie zu uns kommen, sehen Sie immer eine Momentaufnahme zu einem bestimmten Zeitpunkt eines Prozesses. Das mag dann nach außen vielleicht chaotisch wirken. Aber Unordnung ist ja auch immer eine subjektive Empfindung. Und nicht unbedingt etwas, das objektiv wahrnehmbar ist.

Inzwischen ist Design ja schon so demokratisch, dass viele glauben, selbst Designer zu sein, und ihre Entwürfe im Internet hochladen und sogar produzieren lassen. Wie verändert oder tangiert das Ihre Rolle als Designer?

Ich glaube, der Bogen ist da längst überspannt. Zum erfolgreichen Produzieren gehört einfach eine gewisse Stückzahl. Und dafür braucht man einen Vertrieb oder eine Vertriebsidee. Wir arbeiten mit Firmen zusammen, die einen guten Vertrieb haben und auch wissen, was sie und wohin sie wollen. Und das sind solche raren Qualitäten, dass mich die Do-it-yourself-Fraktion so etwas von gar nicht heiß macht. Überhaupt, diese Idee, aus nichts etwas machen zu wollen. Das geht nicht. Man muss Ahnung haben, in die Tiefe gehen. Und dazu brauche ich Zeit und Geld. Sonst funktioniert es nicht.

In diesem Overflow der Ideen, Entwürfe und Dinge: Wer trennt dann letztendlich gut von schlecht? Wieder die Designer?


Schauen Sie sich die Musik an, da haben wir doch genau das­selbe Problem. Jeder kann mit dem Computer Musik machen. Aus dieser Flut muss der Konsument herausfiltern, was gut ist. Und dann gibt es Leute, die sich damit beschäftigen, auch Journalisten, die sich mit Designern unterhalten, warum das eine spannend und sinnvoll ist. Und das andere nicht. Wenn man durch die Möbelmessen läuft, findet man sehr oft das Gleiche. Das ist doch schade, wenn ich mich die ganze Zeit mit etwas ­beschäftige und der Effekt ist, dass ich dasselbe mache wie vorher. Da setzte ich mich lieber hin und lese mit meinen Kindern Kinderbücher. Da hab ich dann zumindest etwas davon.

TIPP

In diesem Jahr entwirft Stefan Diez auch den Messestand des deutschen Herstellers auf der Mailänder Möbelmesse, die am 17. April beginnt. Das Thonet-Stammthema „Verformtes Holz“ entwickelte Diez mit neuen Verarbeitungstechniken weiter. Bei den Polstersesseln 405 PF (etwas höher) und 406 PF laufen gebogene Stuhlbeine und Armlehnen zu einem Knoten unter der Sitzfläche zusammen.