Dauertest (1). Frühjahrsputz in einem Toyota Avensis mit allem Drum und Dran: Ein interessanter Gegenentwurf zum deutschen Angebot.
Alle maulen über die hohen Spritpreise. Dabei handelt es sich doch um ein Täuschungsmanöver: In Wahrheit wollen die Tankstellen von den inflationären Tarifen in ihren Waschstraßen ablenken. Um acht Euro bekommt man neben einem mitleidigen Blick gerade einmal das Auto angefeuchtet. Ein normaler Waschgang mit Fönen und Pomade für ein wenig Glanz wird als „Premium“-Wäsche nicht unter zehn, oft zwölf Euro geführt.
Doch trotz der pflegeleichten tiefschwarzen Lackierung, in der unser Toyota Avensis das Licht verschluckt, musste das Auto vom gröbsten Schmutz befreit werden. Man sah kaum noch aus dem Panoramadach. Und das war schade, denn erst bei weidlich Tageslichteinfall kommt das schöne Leder im Innenraum zur Geltung. Reden wir tatsächlich von einem Avensis?
Seit es den Camry (in Europa) nicht mehr gibt, und das ist schon eine ganze Weile, lässt Toyota Platz nach oben hin. Es gibt natürlich noch den Landcruiser für luxuriöse Gelüste, aber wer wirklich Geld lassen will in diesen Gefilden, wird an die Premium-Division Lexus verwiesen. Allerdings hat Toyota von den Deutschen ein Muster übernommen, das früher unter japanischen Marken eher wenig gebräuchlich war: das nachhaltige Veredeln eines Modells über Konfiguration und Ausstattung, sodass sich der Einstiegspreis in die Baureihe nahezu verdoppeln lässt.
Früher hätte man das Resultat Understatement genannt (bevor Begriff und Haltung etwas aus der Mode gekommen sind). Jedenfalls ist an Bord dieses Avensis alles versammelt, was gut und normalerweise teuer ist. Neben erwähntem Leder und Panoramablick gen Himmel (dem Kombi vorbehalten, weil nur er ein ausreichend großes Dach dafür bietet) zählen dazu Festplattennavigation, eine brauchbare Hi-Fi-Anlage, elektrische Sitzverstellung samt Memofunktion, bestmögliches Dekor in Chrom und Alu und sogar Tempomat mit automatischem Abstandsregler per Radar. Selbstredend: Sitzheizung, Licht- und Scheibenwischerautomatik. Und: Rückfahrkamera, Bordsystem mit Sprachsteuerung. Doch noch etwas vergessen? Die Xenon-Scheinwerfer lenken in den Kurven mit. Bleiben womöglich Wünsche offen? Zwei fielen uns ein: ein Komfortblinker (einmal Tippen für dreimal Blinken), das ist schon bei deutschen Kleinstwagen Standard, und, etwas vermessener: eine Servo-Schließe der Heckklappe.
Man lasse schalten
In diesem Tempel der angenehmen Dinge wäre es unpassend, selbst im Getriebe zu rühren, deshalb versieht eine Sechsstufen-Automatik Dienst. Für die Bewegung sorgt ein 2,2-Liter-Vierzylinder-Diesel mit 150PS. Wie weit Richtung Premium reichen nun die Gefühle? Zunächst: Toyota hat den Avensis über die Jahre gehörig verfeinert. Das beginnt beim Design, das einen guten Weg gefunden hat zwischen japanischer Identität und Mainstream-Geschmack, wie ihn die deutschen Hersteller in unseren Breiten prägen. Zur Front des Avensis mit scharfem Scheinwerferblick gehört deswegen gleißendes LED-Tagfahrlicht. Wenig kunstfertig die Flanken, auch die Heckpartie schließt mit eher funktionalem Arrangement.
Das Fahren beginnt mit einem kurzen Tipper auf den Startknopf, dann schwingt sich der Diesel ins Leben. Er ist zu den leiseren Maschinen seiner Klasse zu zählen, kräftig im Antritt, eher wenig drehfreudig. Die Automatik hält ihn gut unter Zug, selbst sie ist eine der alten Schule: recht geschmeidig, aber nicht so behände oder effizient wie heutige Doppelkupplungsvarianten. Eine Start-Stopp-Funktion wird nicht geboten, obwohl sie dem Motor zweifellos beim Sparen helfen könnte. Unser Schnittverbrauch von um die 8,5 Liter (mit hohem Stadtanteil, dennoch) ist unbefriedigend. Wir erwarten eine deutliche Verbesserung, sobald das Auto aus der Einfahrphase ist, von besseren Bedingungen (Plusgrade, Sommerreifen, mehr Langdistanz) abgesehen. Als Stadtauto wird der Kombi ohnehin nicht primär gedacht sein, mit 4,75 Meter Länge hätte man auf Dauer kein leichtes Leben. Diesem kann man jedoch entgegensehen, wenn man auf Platz angewiesen ist: Es gibt reichlich davon, schon der Raum zwischen Vorder- und Rücksitzen ist imposant. Das Heckabteil, von keinem „Lifestyle“-Zuschnitt der Dachpartie beengt, birgt zimmerähnliches Volumen.
Erstes Resümee? Mit diesem Avensis verhält es sich preislich so: Man wohnt nicht im Nobelviertel. Aber in der besseren Wohnung.
Auf einen Blick
Toyota Avensis Kombi 2,2 D-4D D-Cat Automatik Executive
Maße: L/B/H: 4780/1810/1480 mm; Radstand: 2700mm; Leergewicht: 1445kg; Ladevolumen: 543l; maximal 1609dm
Motor: Reihenvierzylinder-Turbo-Diesel, 2231ccm, 110kW (150PS) bei 3600 U/min, 340Nm bei 2000-2800 U/min, Frontantrieb, Sechsgangautomatik
Testverbrauch: 8,5l/100km, Normverbrauch: 6,2l/100km,
CO: 170g/km lt.Norm
Preis: 44.011,80Euro
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.04.2012)