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Restaurants mit Ablaufdatum

(c) Www.BilderBox.com (Www.BilderBox.com)

Oft gibt es sie nur für eine Stunde oder einige Wochen: Lokale auf Zeit. Das Phänomen, von New York bis Berlin längst etabliert, taucht im Frühling vermehrt im Wiener Stadtleben auf. Behördenhürden inklusive.

Wien. Das könnte ein echter Pop-up-Frühling werden. Mit kurzfristigen Abendessen in einer Autowerkstatt. Einem „Stundenlokal“ am Stephansplatz für zufällig vorbeikommende Passanten. Spontanen Grillereien im Park.

Ankündigungen wie diese machen neugierig, man will wissen, wann, wo (und ob überhaupt) es diese kurzfristigen Lokalideen geben wird. Die Ideengeber lassen sich da nicht so leicht festnageln. Denn Menschen, die sich dem Prinzip Pop-up verschrieben haben – die also kurzfristig für ein paar Stunden, Tage, bestenfalls Monate ihre ungewöhnlichen Lokale „aufpoppen“ lassen – fallen mittel- und langfristige Zusagen schwer. Mit Absicht natürlich.

Fix ist jedenfalls, dass die Pop-up-Lokale – die von New York bis Berlin längst etabliertes Phänomen des städtischen Lebens sind – auch in Wien in Kürze mehr werden. So zieht es Stefan Brandtner, der mit seinem „Brandtner 63“ kürzlich sein erstes Lokal auf Zeit nach „einer unglaublichen Auslastung“ in Salzburg geschlossen hat, nach Wien. Hier sucht er gerade nach leer stehenden Räumen, die er für zwei, drei Monate in ein Impro-Lokal verwandeln kann. Ganz so spontan wie anderswo funktioniert das Phänomen Pop-up in Österreich aber nicht, sagt Brandtner. „Das österreichische Behördensystem ist wahnsinnig aufwendig.“ Brandtner wollte ursprünglich in einer alten Automobilhalle eröffnen. Weil „wir mit den Behörden nicht klargekommen sind“ (keine Gastrowidmung etc.), zog man Ende 2011 schließlich ins Gusswerk am Salzburger Stadtrand, da es hier eine alte Gastrowidmung gab.

Auch die drei Herren von der „Betonküche“ wollen sich nach ihrem ersten Pop-up-Versuch im Februar in der Westbahnstraße in den nächsten Wochen zurückmelden. Auch sie hatten so ihre Probleme mit der Bürokratie. „Deswegen haben wir“, sagt Kobetreiber Martin Fetz, „einen Verein gegründet. Unter dem Deckmantel kann man viel machen.“ Ein bisschen Vorlaufzeit sei ob der Behördenwege aber nötig. „Echtes Guerilla-Cooking lässt unsere Bürokratie nicht zu“, sagt auch Brandtner.

Einer, der es trotzdem versuchen will, ist René Stessl. Nach New York, wo der Koch und Künstler mit seinem „1hourrestaurant“ im Vorjahr einige mediale Aufmerksamkeit bekommen hat, macht Stessl vermutlich noch im April in Wien Station. Ein Tisch, zwei Sessel, drei Gänge (warm gehalten im Thermogeschirr), so bekocht Stessl zufällig vorbeikommende Passanten auf der Straße. Spontan, gratis, einfach so. Im New York hat der Steirer etwa auf der Brooklyn Bridge und im hippen Stadtteil Williamsburg gekocht.

Stessls Antrieb ist weniger kommerzieller Art (sein „1hourrestaurant ist ja gratis), er sieht sein Projekt als „ins politische gehende Kunst: Es geht darum, den Menschen zu zeigen, dass man ihnen Freude bereiten kann, ohne dass sie dafür bezahlen müssen.“ Wo er in Wien starten wird? Da will er sich nicht festlegen. Vielleicht auf dem Stephansplatz oder vor dem Schloss Schönbrunn. Stessl hofft, „dass es so locker läuft wie in New York“, wo er ohne Genehmigungen agierte und trotzdem keine Probleme mit den Behörden bekam.

 

Frozen Yogurt auf Zeit

Braucht die Stadt denn so viel Pop-up? Unbedingt, finden Andreas Fritsch und Roman Kotesovsky, die in Döbling seit dem vorigen Herbst ein Lokal betreiben, das das Ende im Namen trägt: das „Ablaufdatum“. „Es könnte ruhig mehr davon geben,“ sagt Fritsch. „So kann man auch sterbende Straßen für eine gewisse Zeit beleben.“

Im Herbst wird das „Ablaufdatum“ schließen, weil das Haus, in dem die beiden täglich europäisch-mediterrane Küche servieren, abgerissen wird. Dabei, erzählt Fritsch, sei man gar nicht absichtlich auf den Pop-up-Trend aufgesprungen. „Es war aus einer Not heraus. Wir wollten ein Lokal aufmachen, sind aber an den absurd hohen Mieten und Ablösen gescheitert.“ Also zogen sie „mit wenig Geld und viel Charme“ in ein Sieveringer Haus. Herausgekommen ist, zwischen auf Flohmärkten zusammengekauften Möbeln und ausgestopften Tierköpfen (Wildschwein!), der für das Prinzip Pop-up typische improvisierte Touch. In der Küche verzichtet man aber auf die chaotische Komponente. „Wenn man beim Komfort Abstriche macht“, so Kotesovsky, „dann muss man in der Küche umso mehr Qualität bieten.“

Den Döblingern gefällt es, freie Tische gibt es selten. Da das Ende naht, suchen Stammkunden bereits nach leeren Räumen, um das Lokal im Grätzel zu halten. Dessen Betreiber würden aber auch gern weiterziehen (vielleicht in eine alte Autowerkstatt), suchen zudem auch ein kleines Lokal für einen (temporären oder fixen) „Frozen Yogurt“-Laden. Fritsch könnte sich auch einen Pop-up-„Food Court“ vorstellen, am Donaukanal vielleicht.

Gut möglich, dass man dort, am Kanal, auch auf Stessl trifft, der hier auch gern kochen würde. Anmelden will er sein „1hourrestaurant“ – anders als die Pop-up-Kollegen – nicht. „Im Grunde“, sagt er, „ist das nur ein Picknick. Das sollte doch möglich sein.“ Man wird sehen. Wann und wo auch immer.

Auf einen Blick

Ablaufdatum: 19., Sieveringer Straße 11. Info & Reservierung: 0699 11038296. Mo-Fr: 17-24 Uhr

1hourrestaurant:
startet vermutlich noch im April in Wien: http://1hourrestaurant.tumblr.com/

Betonküche
: www.friendship.is/betonkueche

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2012)