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Von oben nach innen schauen Jubiläen haben manchmal Sinn

„Presse am Sonntag“. Ich hätte die Leser bitten sollen, die Jubiläumsausgabe nicht gleich wegzuwerfen. Sie war nämlich wirklich gut.

Spiegel
Schrift

Die „Spiegelschrift“ zieht den Geruch der Besserwisserei nach, sie ist ja auf Kritik aus, und ein oder zwei Absätze müssen der Sprachpflege gewidmet werden, was gleich mit Sprachpolizei verwechselt wird. Ich sehe meine Aufgabe eher in der Auseinandersetzung mit dieser Zeitung, weshalb ich vor einem Jahr, als die „Presse am Sonntag“ ebenfalls feierte (die Redaktion verschafft sich ständig ein Jubiläum), unter dem Eindruck des gedruckten Ergebnisses händeringend bat: „Bitte ab jetzt ein Jahr lang keine Experimente mehr.“

Warum soll ich also heute nicht sagen dürfen, dass die Festausgabe am Sonntag, 25. März 2012, rundum überzeugt hat und eine Bereicherung ist, sofern man Zeit und Energie für sie frei macht. Tobias Moretti und der Redaktion sei Dank. Solche Interviews wie mit der amerikanischen Skikanone Lindsey Vonn und der Schauspielerin Susanne Wolff sind exklusive Ereignisse, und ich als Journalist springe natürlich sofort an, wenn der „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann auspackt und mir endlich erklärt, wie jemand überhaupt „Bild“-Chefredakteur sein kann.

Am wertvollsten sind immer Beiträge aus ungewohntem Blickwinkel, von oben eben, wie der Schauspieler Moretti es in seiner Chefredakteursrolle verordnete.

Gegen Weltpessimismus wehrt er sich, dennoch ist schon eine Seite weiter zu erfahren, dass wir vielleicht diejenige Generation sind, der unsere Nachkommen die monumentalsten aller Dummheiten anlasten werden. Qualitätszeitungen sind nicht dazu da, die Welt schöner zu malen, sondern uns nachdenklich zu machen.

Man nimmt auch dem 86-jährigen Soziologen Zygmunt Baumann ab, dass die Jüngeren ein Leben lang darum zu kämpfen haben werden, dass Politik und Macht wieder zusammenkommen. Denn die Macht ist der Politik unter unseren Augen entlaufen. Und ich würde jede Frau dazu drängen, das Interview mit der Fachärztin für plastische Chirurgie Hildegunde Piza zu lesen, ehe sie sich Brustimplantate einsetzen oder bloß die Lippen aufspritzen lässt.

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Auch die „Spiegelschrift“ ist drei Jahre alt geworden, lebt noch immer und erbringt als Beiboot des Tankers „Presse“ Serviceleistungen für Besatzung und Passagiere. Sprachliche Pannen gehören zu den verlässlichen Begleitern der Produzenten journalistischer Güter. Im ersten der drei Jahre wusste ich auf Basis alter Schulweisheiten, was richtig ist, oder glaubte das wenigstens. Dass die Buben zum Beispiel nicht „sich verprügeln“, sondern „einander verprügeln“.

Aber am Rechtschreib-Duden kommt man nicht vorbei, am Stilwörterbuch auch nicht, und der Grammatik-Duden ist der Tod der Selbstsicherheit. „Die Brüder haben sich wieder fürchterlich geschlagen“, steht da, das sei eine „echt reziproke, auf Gegenseitigkeit beruhende Beziehung zwischen Subjekt- und Objektaktanten“, also korrekt.

Hinzu kommen die Folgen mehrerer Phasen gut gemeinter Rechtschreibreform. Oder gutgemeinter? Der Duden empfiehlt wie so oft eins von beiden, erlaubt aber auch das andere. Sarkastisch könnte man sagen: Duden und Zeitungen haben eine verheerende Wirkung in verheerender Zeit. Das wäre aber von pauschaler Unartigkeit. Wahr ist vielmehr, dass sich die Sprache nicht knebeln lässt.

Nützt die „Spiegelschrift“ etwas? Ursache und Wirkung entziehen sich meiner Urteilskraft. Ganz plumpe Pannen sind in der „Presse“ seltener geworden. Es scheint, dass die Redakteure ihr kritisches Bewusstsein schärfen. Wegen der „Spiegelschrift“? Wenn nicht, so greift vielleicht eine vorauseilende Altersweisheit um sich, verbunden mit epigenetischen Faktoren. Irgendwas wird es schon sein.

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Aber der Kampf um das n im dritten Fall tobt unvermindert. „Zahnärztin schält Kartoffel“, steht da (6.4.). Hätte die Autorin „Erdäpfel“ gesagt, wäre das nicht nur schöner, sondern ohne n richtig gewesen. „Dies sollte den Republikaner nicht noch einmal passieren“ heißt es in einem Bericht aus Amerika, der aber eindeutig von Republikanern in der Mehrzahl handelt. Aber selbst an einem Republikaner bliebe ein Grammatikfehler hängen.

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Dass kriminelle Frauen im Vormarsch sind, wollen wir Männer keinesfalls glauben. Im Artikel „Die Emanzipation der dunklen Art“ findet sich ein Satz, der besser in der Rätselecke für Mathematiker aufhoben wäre: „Mehr als die Hälfte der Täter bei allen Delikten sind Männer, nur bei Diebstahl beträgt der Frauenanteil ein Drittel.“ Wo liegt die vermutete Differenz?

Eine Rechenaufgabe auf zwei Ebenen zu verlagern ist überhaupt eine unfaire Plage. „Während 1912 noch ein Prozent der Schiffe sank, kam dies 2009 nur noch in einem von 670 Fällen vor.“ (8.4.) Die Leser sind eingeladen, die 670 Fälle auf hundert umzurechnen und den Prozentsatz zu nennen.

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Ein „Trampolinparcour“ soll Wiens Neubaugürtel attraktiver machen, (4.4.), doch fehlt dem Parcours leider im Titel wie Text das s. Das kommt vom impulsiven Gebrauch von Fremdwörtern, wobei nach Lektüre dieses Artikels grundsätzlich die Frage zu stellen ist, ob „Die Presse“ die Älteren unter ihren Lesern mehr oder weniger deutlich zum Umzug auffordert, sprachlich und physisch. Die Überschrift lautet „Skaten, Relaxen und Chillen am Neubaugürtel“, und so geht es auf einer Dreiviertelseite weiter. Oldies werden in einer „Relaxzone“ Platz nehmen und das Geschehen auf zwei Slacklining-Inseln beobachten dürfen.

Die Fremdwörterwut setzt sich in derselben Ausgabe bei Umberto Bossi fort, der seinen ältesten Sohn Renzo „protektierte“, womit wohl „protegierte“ gemeint sein dürfte. Renzo Bossi sei ferner dreimal „durch die Abiturprüfung gerasselt“ – Abitur gibt es in Deutschland, für den Rest der Welt tut es auch unsere Matura.

Die deutsche Sprache ist schwierig genug. „Die Presse“ ertappt Helmut Elsner, wie er „des Nächtens tanzt“ (18.3.). Also entweder tanzt er nächtens, nachts oder des Nachts.

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Kommunikationswissenschaftler und Sprachgelehrte erforschten im Dienst der Leser, dass Sätze mit bis zu 18 Wörtern leicht verständlich, ab 25 Wörtern aber schwer verständlich seien. Das sind Faustregeln. Nachzählen hilft nichts und tut auch kein Journalist, denn diese sind keine Registriermaschinen. Es ist aber kaum widerlegbar, dass ein Satz mit 61 Wörtern selbst in der „Presse“ eine Zumutung ist:

„Was Video-Dokumentationen betrifft, klafft in der jüngeren Geschichte eine große Lücke, weil spätestens seit dem Abgang von ORF-Kulturchef Karl Löbl das Verhältnis zwischen Staatsoperndirektion und ORF – nicht zuletzt mangels Interesses vonseiten des Küniglbergs trotz zum Teil hervorragender Quoten, ,Anna Bolena‘ aus der Staatsoper mit Anna Netrebko sahen im April 2011 bis zu 515.000 Zuseher – nicht das allerbeste gewesen ist.“ (8.4.) Thomas Bernhard hat Sätze mit hundert Wörtern verfasst, aber diesen einen Satz hätte er nicht geschrieben.

E-Mails an: spiegelschrift@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2012)