Am Mittagstisch mit Göring

Das widersprüchliche Leben der Luftfahrt-Pionierin und „Halbjüdin“ Melitta von Stauffenberg, erzählt von Thomas Medicus.

Melitta von Stauffenberg, geborene Schiller, spätere Schwägerin des Hitler-Attentäters, war eine der ersten Flugkapitäninnen Deutschlands, Testpilotin für nahezu alle Flugzeugtypen der NS-Flugzeugindustrie, Diplomingenieurin für Technische Physik an der D.V.L. (Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt), Trägerin des „Eiser-nen Kreuzes“ und – nach der Diktion und Definition der Nürnberger Rassegesetze – „Halbjüdin“.

Eine auf dem ersten Blick ungeheuerliche Karriere in einem Staat, der seine antisemitische Grundausrichtung mit unvorstellbar mörderischer Präzision verfolgte. Andererseits offenbart sich in Melitta von Stauffenbergs Laufbahn auch ein Widerspruch, der zwingend ist in einem System, das für seine expansionistischen Gelüste nicht gänzlich auf die Ressourcen seiner von ihm selbst ausgegrenzten und verfolgten Bevölkerung verzichten konnte.

Dennoch fragt man sich bei der Lektüre der Biografie des 1953 geborenen Autors und Journalisten Thomas Medicus unwillkürlich, wie dieser größtmögliche strukturelle Widerspruch im NS-Staat für die Einzelne lebbar war. Wenn man die am 9. Jänner 1903 geborene Melitta von Stauffenberg verstehen will, muss man, wie Thomas Medicus, weiter ausholen. Man muss die familiären und ideologischen Wurzeln kennen, die die Tochter eines aus Odessa stammenden und zum Protestantismus konvertierten Staatsbeamten aus der kleinen ostpreußischen Stadt Krotoschin bis an den Mittagstisch Hermann Görings führte.

Melitta Schiller wuchs in einer Umgebung auf, in der es keine Berührungsängste zum Deutsch-Nationalismus gab, in der es aber auch selbstverständlich war, dass Töchter ihren beruflichen Neigungen nachgehen können. Melittas Neigungen waren zunächst breit gestreut. Sie reichten von der Bildhauerei bis zur Fliegerei und führten sie ebenso zum Studium der Physik wie zum intellektuellen, schwärmerisch-deutschtümelnden Kreis rund um Stefan George. Dort lernte sie den Althistoriker Alexander von Stauffenberg, ihren späteren Mann, und seine Brüder kennen.

Mit ihrer Heirat 1937 wurde Melitta von Stauffenberg Teil des deutschen Adels, der über seine lange militärische Tradition Anschluss zur NS-Wehrmacht gefunden hatte und somit höchsten NS-Kreisen nahestand. Diese gesellschaftliche Position, aber auch ihre inzwischen beachtliche Karriere als
Ingenieurspilotin und tollkühne Fliegerheldin, schützte Melitta Gräfin von Stauffenberg lange vor allzu unbequemen Nachforschungen der „Reichsstelle für Sippenforschung“.

Als es aber im Zuge einer Berufung ihres Mannes an die Universität Würzburg doch nötig wurde, einen lückenlosen „Ariernachweis“ für seine Frau zu liefern, kam Melitta von Stauffenberg in den Genuss eines Privilegs, das nur einen winzigen Bruchteil der „jüdisch-stämmigen“ Bevölkerung vor Verfolgung und Vernichtung rettete: Sie wurde per Dekret für „deutschblütig“ erklärt.

Melitta von Stauffenberg hätte aller Wahrscheinlichkeit nach auf diese Weise die Nazi-Herrschaft überlebt, wenn nicht das gescheiterte Attentat auf Hitler am 20.Juli 1944 ihr Leben abrupt in eine andere Richtung gelenkt hätte. Wie Thomas Medicus überzeugend nachweist, war Melitta zwar nicht in die Planung und Durchführung des Attentats involviert, doch sie wurde, wie alle Angehörigen der Attentäter „in Sippenhaft“ genommen.

Die rigorose Anwendung dieses grotesk rückwärtsgewandten NS-Gesetzes provozierte die Fliegerheldin zu einer späten Auflehnung gegen den NS-Staat. In unzähligen Petitionen und Hilfsflügen versuchte sie nach ihrer eigenen Entlassung die inhaftierten Angehörigen, darunter ihren Mann und ihre Schwägerin, aus dem Gefängnis zu befreien.

Ein paar Wochen vor Kriegsende stürzte Melitta von Stauffenberg bei einem dieser Flüge in der Nähe der niederbayrischen Gemeinde Straßkirchen ab. Ihr unbewaffnetes Sportflugzeug wurde durch zwei Feuerstöße aus einem US-Jagdflugzeug abgeschossen. So wurde diese ungewöhnliche Frau in allerletzter Sekunde doch noch zum Opfer eines Regimes, für das sie gleichzeitig den Heldinnentod starb. ■




Thomas Medicus
Melitta von Stauffenberg

Ein deutsches Leben. 416S., geb., €23,60 (Rowohlt Berlin Verlag, Berlin)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2012)