Das Wort Vitamin, das heuer seinen 100. Geburtstag feiert, ist eigentlich falsch. Aber allein schon sein Klang bezaubert – auch Marketingmanager und Konsumenten.
Es war lange Zeit eine unerklärbare Krankheit: In Japan und Java grassierte unter Menschen und Hühnern Beriberi. Eine niederländische Expertenkommission beobachtete, dass sich sowohl Menschen als auch Hühner von geschältem Reis ernährten. Das brachte den polnischstämmigen Biochemiker Casimir Funk auf die Idee, die Krankheit durch Reiskleie zu bekämpfen: 1912 fand er eine stickstoffhaltige Substanz (Thiamin; chemisch ein Amin, mit einer NH2-Gruppe), die dafür verantwortlich war, und nannte sie „Vitamin“. Was im Nachhinein eine geniale Namenswahl war: „Vita“ steht für Leben, bei Amin schwingt wissenschaftliche Exaktheit mit.
Vor genau 100 Jahren fiel damit der Startschuss für die erstaunliche Karriere eines Begriffs. Immer mehr Substanzen, die mit Mangelerscheinungen in Zusammenhang stehen, wurden entdeckt. Man begann, diese essenziellen Nahrungsbestandteile systematisch mit Buchstaben zu bezeichnen. Aber bald schon geriet das System durcheinander: Manche angeblichen Vitamine waren gar keine – daher gibt es Lücken in der Reihe. Und B-Vitamine erwiesen sich als Gruppe von Chemikalien, die durch eine hinzugefügte Zahl bezeichnet wurden – Thiamin beispielsweise heißt heute auch Vitamin B1.
Das Wort „Vitamin“ als Sammelbegriff ist eigentlich falsch, denn bei Weitem nicht alle Vitamine tragen eine Amin-Gruppe. So auch die in den 1920er-Jahren entdeckte Ascorbinsäure (Vitamin C), die gegen Skorbut – lange Zeit die häufigste Todesursache von Seeleuten – wirkt.
Dass der Begriff chemisch gesehen falsch ist, änderte aber nichts daran, dass Vitamine ungeheuer populär wurden – angefeuert auch durch diverse Nobelpreise an die Entdecker. Das Nazi-Regime sah Mangelernährung sogar als Ursache für die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg und führte „Vitamin-Aktionen“ durch, die den „Volkskörper von innen stärken“ sollten.
Heute weiß man, dass der menschliche Körper auf die Zufuhr von 13 Vitaminen angewiesen ist. Weitere 27 Substanzen bzw. Substanzgruppen tragen die Bezeichnung völlig zu Unrecht. Was aber findige Marketingmanager nicht davon abhält, dennoch mit der klingenden Bezeichnung zu werben. Ein Bestandteil von Aloevera z. B. wird von ihnen als Vitamin B22 bezeichnet, Flavonoide als Vitamin P oder Ubichinon als Vitamin Q.
Es blüht aber auch das Geschäft mit den „echten“ Vitaminen: Mit Multivitaminpräparaten wird alljährlich ein Milliardenumsatz gemacht – obwohl die überwiegende Zahl der Menschen ausreichend mit Vitaminen (mit wenigen Ausnahmen, v. a. Folsäure) versorgt ist. Die Magie des Namens wirkt!
martin.kugler@diepresse.com