Lilly von Goertz: Heimkehr der alten Dame

Lilly Goertz Heimkehr alten
Lilly Goertz Heimkehr alten(c) Eduard Steiner
  • Drucken

Nach dem Zweiten Weltkrieg ist sie aus Wien in den Kaukasus gebracht worden – heute will die 89-jährige Lilly von Goertz nach Österreich zurück.

Wenn der georgische Wahrsager, den Lilly von Goertz konsultierte, recht hat, dann lebt sie noch vier Jahre. Wenn nicht, dann nicht, sagt die alte Dame und lacht: „Gut, ich bin schon alt und nicht mehr so klug wie früher. Auch gehen kann ich kaum noch“, sagt sie. „Aber essen kann ich, und immer wieder finde ich etwas zu tun.“ Hier noch ein Buch zu lesen oder gar zu schreiben. Da noch ein Bild fertig zu malen. Ja, und vor allem, nach Österreich zurückzukehren, am Ende ihren Nachlass dem Staat zu vermachen. Und in Frieden in der Heimat zu sterben.

Die Dame, die solches von sich kundtut, hat nach anfänglichen Bedenken einem Treffen in der Hauptstadt des südkaukasischen Staates Georgien, Tiflis, zugestimmt. Zu sich nach Hause in der kleinen Plattenbauwohnung am Stadtrand lädt sie nicht. Zu tief sitzt die Scham, dass der karge Lebensstandard den Besucher irritieren könnte. Dann schon lieber mit Gehstützen zum Kaffee auf neutralem Boden bei Bekannten. „Sie lachen mich doch nicht aus, oder?“, fragt sie wiederholt und hebt den Kopf, um sich trotz schmerzenden Nackens in den Augen des Gegenübers zu vergewissern.


„Kennen Sie den Widerstand?“ Gesenkten Hauptes, was die Einsamkeit einer Überlebenden unterstreicht, blickt die 89-jährige Adelige dann wieder zurück zum Anfang ihrer Geschichte. 1922 im heute ukrainischen Odessa als Tochter eines damals staatenlosen k. u. k. Offiziers und einer georgisch-slawischen Mutter geboren, lebte sie in den 1930er-Jahren in Wien. „Kennen Sie den Widerstand?“, fragt sie ein Dreivierteljahrhundert später. Der Vater überlebte ihn nicht. Der Rest der Familie, die einst in Hietzing gelebt hatte, wurde zerrissen. Eines von insgesamt vier Geschwistern gelangte über die Schweiz nach Amerika. Ein Bruder in die Gegend der Normandie, wo er heute begraben liegt: „Er wurde Mönch“, erzählt Lilly von Goertz: „Er hat immer nur gebetet.“

Lilly von Goertz selbst landete eigenen Angaben zufolge wegen ihrer nichtarischen Herkunft gemeinsam mit ihrer Mutter im KZ Mauthausen. Nach der Befreiung und einem kurzen Aufenthalt in Wien wurden beide von den Sowjets nach Georgien abtransportiert. Dort, in Tiflis, hat Lilly von Goertz fortan Deutsch und Literatur an der Pädagogischen Akademie unterrichtet. Dort liegt ihre Mutter auch begraben.

Schon vor 130 Jahren hat Georgien einer anderen österreichischen Adeligen als Ersatzheimat gedient. Ein knappes Jahrzehnt lang hat die Schriftstellerin und Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner im Südkaukasus zugebracht. Es war die Zeit, als in Russland noch der Zar herrschte. Schon damals war das Gebiet von zahlreichen Konflikten gekennzeichnet.

Freiheitsliebend. Als temperamentvoll und freiheitsliebend gilt das Volk am Fuße der Viertausenderberge. Die Sowjetherrscher, darunter der georgienstämmige Stalin, haben mit ihrer Brutalität das Aufstandspotenzial im Zaum gehalten. In den vergangenen 20 Jahren jedoch brachen Territorialkonflikte aus – zuletzt im Krieg zwischen Georgien und Russland 2008.

Lilly von Goertz scheint sich zeitlebens nicht viel aus Politik gemacht zu haben. Ihr Betätigungsfeld waren und sind Kunst und Kultur. „Ich habe nie modern gemalt, eher altmodisch“, sagt sie. Soll heißen realistisch, gegenständlich. Stillleben, Porträts. Das Malen reichte nicht zum Leben. Das tägliche Brot wurde mit Deutschunterricht verdient. „66 Jahre lang“, sagt sie: „Wenn in den Lehrsälen laut gelacht wurde, wussten die anderen, dass ich unterrichte.“

Mit Humor durchs Leben, das half. Auch heute noch kein Jammern. „Lustige Schule“ heißt ein Deutschlehrbuch, das sie selbst für den Unterricht verfasst hat. Daneben hat sie aus dem Georgischen übersetzt und auch die österreichische Bundeshymne ins Georgische übertragen. Ob die Kaukasussprache schwer zu lernen sei? „Französisch ist schwer“, entgegnet sie: „Das hat so viele Synonyme.“ Als Kind zu Hause in Wien habe man mit Latein begonnen, ehe man zum Französischen und anderen Sprachen übergegangen sei. „Heute spreche ich 17 Sprachen, oder vielleicht sind es 18“, erklärt sie und mischt wie zum Beweis russische Wortbrocken ins Deutsche: „Man muss gut essen und gut schlafen, dann lernt man jede Sprache.“

Wenn Lilly von Goertz etwas nicht gelernt hat, dann war es, sich rechtzeitig um ihre Zukunft außerhalb des Kaukasus, sprich in Österreich, zu kümmern. „Es ist so viel Zeit vergangen. Ich hätte schon früher meine Verwandten suchen müssen“, sagt sie heute und zieht mit großer Ehrfurcht das Familienwappen aus der Tasche. Dass heute noch Nachfahren der Familie leben, bezweifelt sie. Selbst hat sie nie welche gehabt, blieb zeitlebens unverheiratet.


Nie völlig heimisch. Dass sie nach dem Tod der Mutter nicht zurück nach Österreich gegangen ist, bedauert sie offenbar zutiefst. Auch in 70 Jahren ist sie am Kaukasus nicht völlig heimisch geworden. Hat Hoffnung geschöpft, als sie 2004 im Rahmen der vom österreichischen Außenministerium durchgeführten Weihnachtsaktion für Auslandsösterreicher eine Unterstützung erhielt. Die Sorge der Dame gilt nicht ihr selbst, sondern ihrem Nachlass. Österreich solle ihn bekommen, damit er nicht verloren gehe. Dann könne sie selbst „in den Kosmos fahren“, wie sie es formuliert: „Und davor noch einmal an die Adria.“

„Adieu, mein kleiner Gardeoffizier“, stimmt sie am Ende unseres Treffens, als sie sich unsicher mit dem Gehstock auf den Heimweg über Georgiens Straßen macht, ein Lieblingslied an. Nur ein klein wenig traurig klingt es. Und so, als würde sie Richtung Wien singen: „Adieu! Und vergiss mich nicht, und vergiss mich nicht!“

Lilly von Goertz
1922 im heute ukrainischen Odessa geboren, ist Lilly von Goertz eine der ältesten Auslandsösterreicherinnen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Adelige gemeinsam mit ihrer Mutter von den sowjetischen Besatzern aus Wien in die georgische Hauptstadt Tiflis abtransportiert. Hier arbeitete sie als Deutschlehrerin. Sie lebt auch heute noch – weitgehend vereinsamt – in Georgien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.04.2012)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.