Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

„Der Mörder hätte nie nach Utøya kommen dürfen“

(c) REUTERS (FABRIZIO BENSCH)
  • Drucken

Chaos bei den Einsatzkräften der Polizei, defekte Kommunikationssysteme, unterlassene Straßensperren, ein Hubschrauber, der nicht fliegen durfte und Lokalpolizisten ohne Ortskenntnis.

Oslo/Gam. Von seinem Versteck in einer Bucht an der Nordseite des Inselchens Utøya sandte Håvard Vesterhus einen Hilferuf an die Polizei: „Wir werden beschossen, kommt rasch!“ – „Es sind schon eine Menge Leute unterwegs“, hieß es beruhigend aus der Notrufzentrale. Die Schüsse kamen näher. Vom Festland blinkte das Blaulicht der Einsatzwagen, ein Hubschrauber dröhnte. Doch es war keiner der Polizei, sondern einer des Fernsehens, und die Polizisten warteten am anderen Ufer auf Verstärkung.

So vergingen 75 Minuten seit den ersten Schüssen, bis Anders Breivik festgenommen war – und als die Polizei eintraf, war es für Vesterhus zu spät. Per Kopfschuss hatte Breivik den 21-Jährigen, der als ein großes Talent der norwegischen Politik galt, umgebracht.

Viel später erst hat Polizeichef Øystein Mæland die Versäumnisse seiner Truppe beklagt, räumte ein, dass „jede Minute Verspätung eine Minute zu viel“ gewesen sei. Für Alf Vesterhus ist das zu wenig. „Wir waren viel zu lange geduldig“, sagt Håvards Vater, „die Fehler müssen aufgedeckt werden, ohne dass das als Jagd auf Sündenböcke abgetan wird.“ Er wolle nicht „die Verantwortung des Täters reduzieren“, doch auch die Polizei sitzt in Oslo de facto mit auf der Anklagebank: „Ein Mörder konnte 75 Minuten auf Jugendliche schießen, und das zwei Stunden, nachdem Großalarm ausgelöst sein sollte.“

 

Alles ging zu langsam

Doch als um 15.25 Uhr die erste Bombe in Oslos Regierungsviertel zündete, herrschte Chaos in der sommerlich unterbesetzten Alarmzentrale. Erst mit großer Verspätung wurden andere mögliche Zielobjekte wie Parlament und Königsschloss abgeriegelt, erst nach eineinhalb Stunden war der Krisenstab vollzählig, und an ein Camp der Jungsozialisten auf einer eine Autostunde entfernten Insel dachte niemand. Der Osloer Polizeihelikopter, einer der modernsten der Welt, blieb auf dem Boden, obwohl sich die Mannschaft aus dem Urlaub zum Dienst meldete.

Schon neun Minuten nach der Explosion hatte ein Zeuge die Beschreibung und Autonummer des vom Tatort in Oslo wegfahrenden Breivik durchtelefoniert. Doch aus „Angst vor Panik“ veröffentlichte die Polizei die Infos nicht und verzichtete auf eine Sperre der Ausfallstraßen – und als sie endlich Großalarm schlagen wollte, versagte das Kommunikationssystem. „Der Mörder hätte nie bis Utøya kommen dürfen“, fasst Vesterhus zusammen. „Man hatte seine Nummer um 15.34 Uhr. 90 Minuten später konnte er unbehelligt die Fähre nehmen.“

Während Breivik sich im Hafen als Polizist ausgab, der überfahren sollte, um die Jugendlichen über die Lage in Oslo zu informieren, saß die lokale Polizei vor dem Fernseher und sah die Sondersendungen aus der Hauptstadt. Als panische Jugendliche begannen, wegen der Schüsse anzurufen, brach das überbelastete Telefonnetz zusammen. Und als die Sondertruppe der Polizei endlich ihr Schlauchboot aussetzte, wählte sie eine Ablegestelle, die 3,6 Kilometer von Utøya entfernt war, statt direkt vom 800 Meter entfernten anderen Ufer überzusetzen. Eine „unglaubliche Fehlwahl“, nennt das Jørn Øverby, der mit seinem Boot mehr als 20 fliehende Jugendliche aus dem Wasser rettete. „Der Polizei fehlte jede Lokalkenntnis.“

 

Mindestens 16 vergeudete Minuten

Dass das Boot dann, da zu schwer beladen, im Schleichtempo fuhr und der Motor den Geist aufgab, sodass die Polizisten auf Motorboote von zu Hilfe geeilten Freiwilligen umsteigen mussten, war die Spitze des Desasters. Die Vermeidung allein dieser Fehler hätte einen „theoretischen Zeitgewinn von 16 Minuten“ bedeutet, räumte später die lokale Polizeichefin Sissel Hammer ein. Es waren 16 Minuten, die viele Leben kosteten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2012)