Nur noch jeder Dritte fürchtet starken Zuzug

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Die Öffnung des Arbeitsmarktes vor einem Jahr hat der Wirtschaft genutzt. Die Österreicher sehen die neue Konkurrenz aus dem Osten mittlerweile deutlich gelassener.

Wien. Es war eine Fehleinschätzung: Vor einem Jahr hat FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache vor einer „Massenzuwanderung“ durch den am 1. Mai 2011 geöffneten Arbeitsmarkt für mittel- und osteuropäische Bürger gewarnt. Gekommen sind laut einer ersten Bilanz des Sozialministeriums 26.806 (bis Ende März). Das sind etwas mehr als die vom Ministerium erwarteten 25.000.

„Ein Jahr danach zeigt sich, dass sich die Befürchtungen eines massiven Zuzugs von ausländischen Arbeitskräften nicht bestätigt haben“, so Paul Schmidt, Leiter der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik (ÖGfE). Er verweist auf eine Umfrage seiner Gesellschaft, die belegt, dass sich auch die Stimmung in der heimischen Bevölkerung beruhigt hat. Hat vor einem Jahr noch knapp jeder Zweite (49%) mit einem starken Zuzug gerechnet, ist es heute nur noch jeder Dritte (34%). Lediglich jeder Achte (13%) fürchtet wegen der neuen Konkurrenz um seinen eigenen Arbeitsplatz. Während zwei Prozent der Akademiker eine Gefährdung für ihre Beschäftigung empfinden, sind es bei den Pflichtschulabsolventen immerhin 18 Prozent. Für sie ist die Konkurrenz auch tatsächlich stärker, weil viele der Arbeitsmigranten handwerkliche oder Hilfstätigkeiten ausüben, für die keine besondere Ausbildung notwendig ist.

Immerhin 58 Prozent der Österreicher sehen laut der ÖGfE-Umfrage die Arbeitsmarktöffnung als neue Chance für heimische Arbeitskräfte. Sie können sich vorstellen, dass dadurch auch Arbeitsplätze für Österreicher in den Nachbarstaaten entstehen.

Verdrängung blieb aus

Vor allem der heimische Tourismus hat von der Arbeitsmarktöffnung profitiert. Obwohl dieser Sektor die meisten Arbeitskräfte aus den acht mittel- und osteuropäischen Ländern angezogen hat, wurden laut IHS im vergangenen Jahr hier vermehrt auch Österreicher angestellt. Die Arbeitsmarktöffnung führte also nicht zur Verdrängung, sondern zu einem zusätzlichen Wachstumsimpuls. Dies bestätigt auch die Beauftragte für Migration und Integration der Wirtschaftskammer, Margit Kreuzhuber. „Der österreichische Arbeitsmarkt hat die Öffnung gut verkraftet.“ Da viel Arbeitskräfte aus den Nachbarländern je nach Bedarf einpendeln, sei der Arbeitsmarkt zudem „dynamischer“ geworden.

Neben dem Tourismus haben die Mittel- und Osteuropäer vor allem auf dem Bau und im Dienstleistungssektor Beschäftigung gefunden. Sie haben zwar hauptsächlich einfache Tätigkeiten übernommen, doch eine nicht unwesentliche Zahl brachte auch zusätzliches Know-how ins Land. 657 Arbeitsmigranten sind nun zusätzlich in den Bereichen Wissenschaft und technische Dienstleistungen tätig.

Zu diesen positiven Auswirkungen für die Wirtschaft kam laut einer Sprecherin des Sozialministeriums auch ein „Legalisierungseffekt“. Das heißt, Personen, die bis dahin schwarz in Österreich gearbeitet haben, sind nun in ein legales Dienstverhältnis gewechselt. Schmidt betont, dass zur relativ friktionsfreien Öffnung des Arbeitsmarkts auch das Lohndumping-Gesetz beigetragen habe. Es wurde vor einem Jahr beschlossen, damit Unternehmen ihre zusätzlichen Arbeitnehmer aus den Nachbarländern nicht unter dem Kollektivvertrag entlohnen. „Das Gesetz war eine entscheidende Begleitmaßnahme“, so Schmidt.

Die größte Gruppe, die in diesem Jahr in Österreich eine legale Arbeit annahm, bestand aus Ungarn (+12.156), gefolgt von Polen (+5286) und Slowaken (+5078). Trotz der eher positiven Erfahrungen stehen die Österreicher der Öffnung des Arbeitsmarkts für Rumänien und Bulgaren weiterhin skeptisch gegenüber. 77Prozent sind der Ansicht, dass die Übergangsfrist bis 2013 voll ausgeschöpft werden müsse.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.04.2012)

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